ART.FAIR | Fair for modern and contemporary art 2015

Text: Steffi Kutsch & Fotos: Ribanna Clemens

Nach Ostern, Weihnachten und Neujahr ist der wichtigste Termin für mich, jedes Jahr wieder, das kunstvolle Erlebnis der ART FAIR, der Messe für moderne und aktuelle Kunst in Köln. Nach ein paar Wechseln des Veranstaltungsortes in den Vorjahren, fand sie 2015 vom 24. bis 27. September in den Kölnmesse-Hallen 1 & 2 statt.

Am liebsten gehe ich, so auch dieses Mal, am Vorabend zum Preview und der Premierenparty. Ich mag einfach die Stimmung dabei, mit einem Getränk und der gezückten Kamera in der Hand, munter auf die bunte Bildwelt, die sich eröffnet, loszustürmen, und sich von den wilden, oft überraschenden Eindrücken inspirieren zu lassen. Das wirkt pur, echt und lebendig auf mich, hat nichts mit verstaubten Museumsschinken zu tun, die gesichert und unnahbar vom Betrachter abgesperrt werden, und nie solch direkten Kontakt und Auseinandersetzung, wie hier, erlauben.

Die vielen Menschen, die neben mir durch die Gänge der Messehalle schlendern, und neugierig nach links und rechts ins Labyrinth der einzelnen Abteile abbiegen, sehen z.T. selbst wie Kunstwerke aus, das Publikum ist bunt: Alte und junge Menschen, in lässigem Freizeitlook mit Sneakern, oder nach neusten internationalen Modetrends gekleidet, teils auch fantasievoll eigenkreiert, und sich selbst darstellend. Das macht es für mich aus, das pure, große Gesamterlebnis.

Selbstverständlich geht es, und das in erster Linie, um die Präsentation von junger und aktueller Kunst, ums Verkaufen und das Vorstellen von Künstlern durch die unterschiedlichen, z.T. internationalen Galerien, die die Teilräume der Halle gekonnt bespielen. Hier sauge ich alles in mich auf, komme jedes Mal randvoll und glückselig mit neuen Eindrücken, in Interpretation unserer Wirklichkeit durch die Augen und das Schaffen der Künstler, nach Hause, was mich im Nachgang oftmals sogar zu eigenem künstlerischen Schaffen motiviert. Nach meinem jetzigen Kunst-Spaziergang über die Art Fair, die jedes Jahr auch besondere Künstler auszeichnet, und mit dem „Bloom-Award“ ehrt, möchte ich stellvertretend zwei Künstler bzw. in einem Fall eine Künstlergruppen näher vorstellen, die mich dieses Jahr mächtig und nachhaltig beeindruckten:

Da ich selbst, wie viele andere, easy im Vorbeigehen, mit schnellen Schnappschüssen per Handyfoto versuchte, den Moment der Bildbegegnung für mich festzuhalten und erinnerbar zu machen, kam mir jetzt ein großes Schmunzeln über die Lippen, ich fühlte mich ertappt, denn die Werke der Künstlergruppe Innerfields spielten gerade mit diesem Gedanken, der Begegnung, der Nutzung, der Kommunikation und der Interaktion mit modernen Medien, allerdings auf eine ganz eigene, z.T. vielleicht sogar ironische Weise.

Auf altertümlich, schwärzlich getrübten Leinwänden, die die Rohheit von groben Leinenstoffen aufweisen, tummeln sich auf ihrem Bildwerk gewöhnliche Menschen unserer Zeit, sowie herausragende Persönlichkeiten, wie z.B. eine Papst-Figur, oder eine madonnenähnliche Frauendarstellung aus einem exotischen Kulturkreis, z.T. gibt es zudem Tierdarstellungen, eines Bären, Falters etc. Die Darstellung ist jeweils bunt, feingliedrig, fast fotorealistisch, und hebt sich damit deutlich vom nicht weiter räumlich definierten Hintergrund ab. Die gezeigten Menschen nutzen alle, jeweils lässig, alltäglich und selbstverständlich elektronisch-digitale Medien der heutigen Zeit.

Irgendetwas irritiert den Betrachterblick jedoch dabei, und ist plötzlich gar nicht mehr gewöhnlich: Die Alltagssituationen werden aufgewertet, es entstehen religiös anmutende Szenen, mit deutlicher Überhöhung und Glorifizierung der Geräte Neuer Medien. Schließlich gibt es einen erneuten Bruch, und damit die Irritation des Betrachters: Die eigentlichen Ipods, Tablets, Handys etc. sind zwar präsent und im Mittelpunkt des Bildraumes, werden aber gar nicht wirklich gezeigt, es gibt stattdessen weiße Flächen, die einzig über ihren Umriss zu definieren sind, Leerstellen oder ein blinder Fleck im Bild, dennoch weiß, strahlend leuchtend und präsent.

Gemalt wurden diese deutlich Fragen aufwerfenden Werke von drei Jungs und guten Berliner Freunden, die aus der Graffiti-Szene stammen, und dort bereits seit langem durch gemeinsame Auftrags-Arbeiten wirksam wurden. „Innerfields malt sich täglich durch die Gegend. Drei Berliner Künstler, mehr als ein Jahrzehnt unter einem Namen. Ein Leben zwischen Leinwand und Fassade“, so stellen sie sich selbst auf ihrer Seite vor.

Auch im malerischen Bereich der Leinwand, ergänzen sie sich explizit, so erscheinen die Gemälde als Serie mit thematischem Zusammenhang, obwohl sie als Einzelwerk von jeweils einem der drei Künstler Holger Weißflog, Jakob Tory Bardou und Veit Tempich geschaffen wurden, was nur in feinen Duktusunterschieden spürbar wird. „Ist es kritische Kunst gegen eine zu offensive Mediennutzung in unserem Alltag?“, war mein Gedanke, als ich mich zuvor so ertappt fühlte, beim Fotografieren ihrer Kunst mit meinen Handy, und stellte diese Frage Holger Weißflog, einem der Künstler von Innerfields. Seine Antwort ließ mich erneut Schmunzeln, denn er gab mir keine, ließ die Leerstelle des Bildes für die eigene, persönliche Interpretation offen, was die Arbeiten noch spannender machte. Das Spiel mit den Medien (z.B. klassische Leinwand vs. moderner Bildinhalt) und der Auseinandersetzung mit dem Werk sei gewünscht. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und machte lachend ein Selfie mit meinem Handy vom Künstler und mir vor dessen Bildwerk!

Von der bunten Berliner Bildwelt, möchte ich jetzt zu einem anderen beeindruckenden Künstler wechseln. Fast philosophisch mutet der Titel der großformatigen und ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Portraitserie von bekannten öffentlichen Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Toni Schumacher, Cem Özdemir, Sabrina Setlur oder Wim Wenders an, der da lautet: „Meinungsbilder“!

Ganz stark entsprechen die zusätzlichen Begleitworte des Künstlers Valéry Kloubert zum Bildwerk meinem eigenen Eindruck bei ihrer Betrachtung: „Die Bilder sind lauter als eine Explosion, ruhiger als die Stille – sie zeigen die Einzigartigkeit des Menschen.“ Ja, es stimmt, die dargestellten Persönlichkeiten vertreten alle in der Öffentlichkeit in irgendeiner Form, egal ob künstlerisch, sportlich oder politisch, ihre Meinung. Zusätzlich hat man bei der naturalistischen, klar schwarz-weiß reduzierten Abbildung in Portraitform mit gestochen scharfem Blick zum Betrachter das Gefühl von individueller und ganz direkter Begegnung und Auseinandersetzung mit den verschiedenen Menschen.

Die Meinungsbilder faszinieren, auch durch die Technik ihrer Herstellung, die ganz einzigartig ist: Mit handgemachten Schwarz-Weiß-Glasplattennegativen hat Kloubert eine längst verloren geglaubte fotografische Technik aus dem 19. Jahrhundert wieder erweckt. „Ich backe mir meine Filme, nach langer Rumprobiererei und Experimentierphase mit verschiedensten dazu notwendigen Chemikalien heute selbst!“, sagt er lachend. Ich bin wirklich beeindruckt, so etwas hatte ich zuvor noch nie gehört.

Und, als ob dies nicht genug wäre, erfahre ich von Valéry eine weitere, großartige Neuigkeit: Der gesamte (!) Erlös seiner anspruchsvollen Bildkunst wird der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, zur Verfügung gestellt. Er wolle schlicht seinen gesellschaftlichen Beitrag leisten und helfen, sagt er mir dazu mehr als bescheiden. Insofern erscheint mir der gewählte Titel der Serie nun ganz neu: Die „Meinungsbilder“ wirken mutig insofern, sich den Problemen unserer heutigen Gesellschaft zu stellen. Auch die abgebildeten Persönlichkeiten scheuen sich nicht, sich dieser künstlerisch alten Technik zu stellen, die jede noch so kleine Hautpore detailreich und gnadenlos, aber authentisch und echt auf die Glasplatte bannt. – Mit dem Gedanken daran, dass der Kölner Künstler Valéry Kloubert den Gedanken der „Fairness“ (z.B. in Bezug auf Chancengleichheit als Lebensvoraussetzung) der sogar im Titel der ART FAIR auftaucht, gar nicht erst als Frage aufwirft, sondern mit seinem Wirken eine starke „Meinung“ und konkretes Handeln dagegen setzt, gehe ich dieses Jahr etwas nachdenklicher, aber um vielfältige Erkenntnisse reicher von der Kölner Kunstmesse.

Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!

Eure Steffi & Ribanna