Das Erleben einer Momentaufnahme – Ausstellungsprojekt 72-Stunden

Text: Vanessa Schaefer & Fotos: Nathan Ishar

Zweifelsohne beeinflusst dieser ominöse digitale Wandel unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Doch was bedeutet das eigentlich für einen selbst? Wie verändert uns die Digitalisierung im Alltag? Welche Auswirkungen hat sie auf unsere Persönlichkeiten und Wertesystemen? Macht sie uns zu vorhersehbaren Wesen, die sich nur noch über Likes und Klicks definieren?

Diese selbstkritischen und tief gehenden Fragen haben sich 20 Künstler gestellt. Darauf aufbauend wurden Ideen, Konzepte und Exponate entwickelt, die die Betrachter zum Nachdenken anregen und mit unseren Erwartungen spielen. Zeitig zum Start der 18. Museumsnacht Köln zeigt das Ausstellungsprojekt 72-Stunden auf, was es bedeutet, im digitalen Zeitalter zu leben. Im bunker k101 laden die Künstler und Veranstalter ein, die heutige Gesellschaft und sich selbst zu hinterfragen: Wen repräsentieren wir eigentlich in der virtuellen Welt – uns selbst oder eine manipulierte, attraktivere Version unserer Person?

Die sechsköpfige Veranstaltergruppe formierte sich diesen März aus der Initiative jungekunstfreunde. Bestehend aus Designern und Kunstschaffenden wurde bei der Auswahl explizit darauf geachtet, dass es junge Künstler sind, die einen regionalen Bezug aufweisen. Schließlich geht es um ein omnipräsentes Thema, das unseren Alltag bestimmt.

Wenn wir uns die Werke angucken, geht es um die Frage der Selbstreflexion. Wer sind wir in der realen Welt? Wie initiieren wir uns virtuell?
— Jana, Veranstalterin & Projektleiterin

Auch die Location unterstützt das Hinterfragen des eigenen Ichs. Im Bunker hat man kein Netz. Nahezu abgeschottet lerne ich mich auf die anwesenden Dinge zu konzentrieren. Kommunikation wird zu dem, was es mal war: eine face-to-face-Situation. Ich lasse mich auf das Experiment ein. Will mich trauen, mein digitales Ich zu ergründen.

Anders als in den meisten Museen ist der Geräuschpegel hoch. Die tiefen Decken der vielen Durchgangsräume erinnern an einen Untergrund-Club. In Scharen drängen sich Besucher vor Videoinstallationen, Plastiken und bunten Fotografien. Nach einiger Zeit wird es ruhiger. In der Mitte des Hauptraums tut sich was. Eine junge, ganz in Weiß gekleidete Frau legt sich auf den Boden. Vor ihr hängt zusammengefallener Stoff von der Decke. Schnell bildet sich um die Performance-Künstlerin Charlotte Triebus eine Traube von Menschen. Man ist gespannt – natürlicher voller Erwartungen. Sehr langsam bläht sich der Stoff auf, er wird zur überdimensionalen Kugel. Die Künstlerin schmiegt sich an dieses immer größer werdende organische Objekt an, bis sie schließlich darin eintaucht. Die Rezipienten sind fasziniert, suchen mit ihren Händen gleichzeitig den Kontakt zur Performerin.

Die Performance zeigt die Grenzen der Kommunikation auf. Eine Sphäre des Unerreichbaren, die aufgebrochen wird.
— Manolo, Besucher
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Charlotte Triebus sieht in ihrer Arbeit Lunatic Cloud Ten ein sehr vielschichtiges Werk. Es handelt von Kommunikation und von der aktiven Entscheidung für ein technisiertes Dasein. Dabei soll die Verschmelzung laut der Künstlerin mit der digitalen Welt unbewertet bleiben:

Die Performance ermöglicht, die Technisierung als etwas Organisches wahrzunehmen, womit man sich verbindet. Auch Kunst verändert ihren Aggregatzustand. Das Medium Performance thematisiert diese Entwicklung von einem festen zu einem flüssigen Zustand.

Die Metapher einer flüssigen und einnehmenden Digitalisierung finde ich zutreffend. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir die damit einhergehenden Wahrnehmungs- und Verhaltensformen noch reflektieren. Ebendieser Problematik widmen sich Miriam Keil und Claudia Stollenwerk. Die ehemaligen Kommunikationsdesign-Studentinnen führen mit Echokammer ihre gemeinsame Masterarbeit vor. Diskutiert werden soll, wie jeder Einzelne mit der gegenwärtigen digitalen Reizüberflutung umgeht. Entwickeln wir uns stetig weiter oder sind wir in unserem eigenen Datenverlauf festgefahren? Die Künstlerinnen sind sich einig, dass Digitalisierung für viele mehr Fluch als Segen bedeutet.
 „Man kann der Digitalisierung nicht entkommen. Aber man sollte seine eigenen Aktivitäten und Gedanken hinterfragen. Vieles ist mehr Schein als Sein. Die Facebook-Fotos zeigen eine vermeintlich coole Party, obwohl man aufgrund von Langeweile schon um 11 nach Hause gegangen ist“, sagt Miriam.

So gut wie jeder konsumiert ständig digitales Gut. Das wirkt eher belastend als zufriedenstellend. Deswegen ist es wichtig, Räume zu schaffen, die frei von visuellen Reizen sind. Aufbauend auf dieser Idee konzipierten Miriam Keil und Claudia Stollenwerk für die Besucher eine leere Kammer. Frei vom technischen Umfeld muss man sich allein vor sich selbst verantworten.  

Die Digitalisierung transformiert sich. Nur die Momentaufnahme kann sie einfangen. Ebendiesen Versuch wagt die Ausstellung – und zwar erfolgreich!

Ausstellungsprojekt 72-Stunden
bunker k101, Körnerstraße 101, 50823 Köln
Sa: Es gelten die Eintrittspreise der Museumsnacht
So: Eintritt frei

Die teilnehmenden Künstler sind: Simon Baucks | Luzie Bayreuther | Clemens Baldszun | Raphael Brunk | Immanuel Esser | Isabella Fürnkäs | Jan Hoeft | Max Hoffmann | Steffen Jopp | Andy Kassier | Miriam Keil | Daniel Kiss | Fabian Kuntzsch | Phillip Künzli | Alwin Lay | Esteban Sánchez | Laura Schawelka | Morgaine Schäfer | Claudia Stollenwerk | Charlotte Triebus

Eure Vanessa & Nathan