Eat the world – taste Sülz

Text: Leni Wolf & Gastfotografin: Beatriz Montilla Bueno aka beatrizmontilla-foto.tumblr.com

Als ich „Eat the world“ höre, denke ich zuerst an eine Hilfsorganisation für Menschen in Hungersnot. Ein Freund sagt, seine Assoziation sei: „Dicke weiße Menschen, die die Welt verspeisen“. Aber nein, hier geht es um etwas anderes ... .

Wir alle leben in einem Stadtviertel, unserem „Veedel“. Man hat dort seine Lieblingsläden: Die Lieblingsmetzgerei, das Café des Vertrauens, die Bar, in der man dich kennt und das Restaurant, in das man geht, wenn man sich „richtig etwas gönnen“ will. Man kennt sein Viertel, vielleicht auch ein wenig die historische Geschichte. Und es gibt die Orte, die man seinen Besuchern empfiehlt.

Ich lerne gerne Neues kennen. Dennoch fällt es mir manchmal schwer, mir unbekannte Ort zu erschließen. So wohne ich nun seit fast 10 Jahren in Köln und kenne Nippes und Kalk nur flüchtig.

Es ist halt nicht so leicht, von den gewohnten und vor allem bewährten Routen abzuweichen, wenn man doch weiß, dass die Nr. 43 mit Hähnchen genial schmeckt.

Genau hier kommt „Eat the World“ ins Spiel.

Seit diesem Jahr gibt es in Köln eine kulinarische Stadtführung, die traditionelle Institutionen der Verköstigung und neue kulinarische Hotspots vorstellt. Brauhaustouren oder Stadtrundführungen gibt es schon lange, doch “Eat the World“ hat seit 2008 den Anspruch „einmalige kulinarisch-kulturelle Stadtführungen anzubieten und einen Blick hinter die Kulissen einer Großstadt zu vermitteln und abseits der Touristenpfade mit genussvollen Kostproben von einzigartigen Restaurants und Feinkostläden einen Blick ins echte Leben zu geben – Geschichte, Kultur, Architektur.“

Ich bin gespannt und treffe an einem sonnigen Freitagmittag meine kleine Reisegruppe am Treffpunkt Auerbachplatz. Die Teilnehmer gehören allesamt zu einem Architekturbüro, welches zum Betriebsausflug geladen hat. Man ist gut gelaunt und mit einem kühlen Kölsch ausgerüstet. Schon ab 2 Personen finden die Führungen statt, was ich bemerkenswert finde. Neben der Tour durch Sülz gibt es noch Führungen durch Nippes, Ehrenfeld und durch die Südstadt. Außerdem in vielen anderen deutschen Städten wie Hamburg, Berlin und München.

Martina unsere Reiseleiterin trifft ein und begrüßt uns. Sommerlicher Saxophon-Blues weht vom Wochenmarkt des Auerbachplatzes herüber. Die erste Station unserer Route werde ich hier nicht verraten und auch die zweite bleibt ein Geheimnis. Martina ist keine gebürtige Kölnerin aber seit acht Jahren Wahlkölnerin. Sie führt uns durch Sülzer Straßen mit 4 Meter hohen Sonnenblumen. Beeindruckend. Diese werden von den Anwohnern gesät und gepflegt. Obwohl Sülz meine Hood ist, war ich hier noch nie. Wir laufen weiter Richtung Berrenrather Straße, wo wir in den orientalisch duftenden Laden von „Zimt & Rosen“ eintreten. Man reicht uns Datteln mit Meerrettich und eine sagenhafte Creme, die Salzzitronen, Datteln und Knoblauch enthält. In jedem Laden bekommt man einen kleinen Schwank über die Entstehung, die Besitzer und die Spezialitäten erzählt. Zwischen den kleinen Snack-Stops spaziert man entspannt durch die Straßen. Hier erfahre ich beispielsweise, dass das Weißhaus, nach welchem die Weißhausstrasse benannt ist, sich in einem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Park befindet und aktuell zum Verkauf steht. Ich hatte mich auf der Fahrt mit der Linie 18 in Richtung Bonn schon oft gefragt, wer wohl in diesem weißen Schmuckstück wohnt.

Die Leiterin unserer Tour streut zwischen den herzhaften oder süßen, knusprigen oder süffigen Wegzehrungen „urban myth“ und „fun facts“ ein. So weiß ich jetzt auch, wo Stefan Raab seine Metzgerei in Sülz hatte und woher das Wort Sülz kommt. Nämlich von Sumpf.

An so einem herrlichen Sommertag darf auch ein Eis nicht fehlen. Wir gönnen uns vorzügliche Sorten wie Schoko-Chili und Ingwer-Guave. Diese sind ohne Zusatzstoffe und werden deshalb tief unten in der Kühltheke gelagert. Man verzichtet auf jegliche Chemie. Auch vegane Sorbets gibt es hier unter den insgesamt 100 Sorten, von denen man täglich 15 genießen kann. Wahrhaft „keEISerlich“, so der Name der Eisdiele. „Es kommt also immer auf die Betonung an“, sagt einer der Teilnehmer mit Hut, der ein echter Kölner ist und selber immer eine kleine Anekdote oder einen Witz auf den Lippen hat.

Die letzte Station, die ich hier verraten darf ist „Le Bouffon – epicerie fin“. Die Inhaber reisten mit ihrem gleichnamigen Zirkus durch die Welt und brachten ausgewählte Spezialitäten aus fernen Ländern mit. Jetzt kann man diese im kleinsten Restaurant Kölns genießen oder sich direkt den ganzen Laden für maximal 6 Personen mieten. Wir lassen uns die Wildschweinsalami und Oliven namens „Mona Lisa - La Gioconda“ mit Basilikum und Zitrone schmecken. Le Bouffon hat übrigens viele Bedeutungen, unter anderem Spaßmacher oder Hofnarr. „Bouffeur“ bedeutet aber auch „mampfen“ oder „Sich voll fressen“. Ich bin nach 2,5 Stunden angenehm gefüllt und bringe das letzte Lemon-Cheesecake Stück wie einen Tetris-Sieg in meinem Bauch unter.

Um ehrlich zu sein fing die Verkostung für meinen Geschmack nicht überragend an, aber die Geschmäcker sind ja verschieden. Und bei dieser Stadtrundführung lebe die Vielfalt!

Ich weiß nun, wo Stefan Raab seine Schnitzel geklopft hat, aber auch, wo ich das nächste Mal einkehre, wenn ich mir etwas anderes gönnen mag als die Nr. 43 mit Hähnchen.

Eat the World
Kulinarische Stadtführungen in Köln
Eine Tour kostet pro Person 33.-
www.eat-the-world.com

Eure Leni & Beatriz


Gastfotografin Beatriz Montilla Bueno stellt sich vor:

Hallo, mein Name ist Beatriz und ich komme aus Andalusien in Südspanien. Ich habe Bildende Kunst in Granada und Halle an der Saale studier. Meine große Leidenschaft und mein Interesse finde ich in der Kultur, Musik, Illustration, Kunst und im Design. Zeichnungen, Kollagen, Fotografie und Video sind die Medien mit denen ich gerne arbeite und experimentiere. Der kreative Prozess treibt mich an und macht mich glücklich. Vor zwei Jahren hat es mich nach Köln verschlagen, durch einen europäischen Freiwilligendienst am Filmhaus, und seitdem hat die Stadt mich in ihren Bann gezogen. Köln ist bunt, die Leute sind sehr offen, fröhlich und herzlich. Dieses würde ich gerne durch meine Fotos und Ideen für WE ARE CITY festhalten und dokumentieren und freue mich darüber, als Gastfotografin im Team zu sein.

Fotoarbeit von Beatriz: beatrizmontilla-foto.tumblr.com