Ein wohlgestörter Zirkus

Text & Fotos: Leni Wolf

Mal wieder in den Zirkus gehen! Will ich das wirklich? Irgendwie hängt dem Begriff Zirkus vieles an, das ich nicht mehr mag. Abgehalfterte Tiere, die einem leidtun und etwas Nostalgisches, das sich heutzutage mit dem Kampf einer Zirkus-Familie ums Überleben mischt. Und dann auch noch die Clowns, vor denen ich als Kind eher Angst hatte.

Doch ich treffe Lena Sommer, die in Köln „Sport, Erlebnis und Bewegung“ studiert, sich prima verbiegen kann, und mir von diesem etwas anderen Zirkus erzählt: Es gibt keine Tiere, nur Artisten. 20 junge Artisten des „Zirkus Impuls“, die in der Abenteuer Halle in Kalk einen „wohlgestörten Unort“ erschaffen. „Oh ha“, denke ich mir bei dem Titel. Nicht, dass es für mich zu experimentell und übertrieben künstlerisch wird. Aber nein, Lena, die mir von Artistik, Tanz und Bewegung erzählt, überzeugte mich. Vom 28.11.15 bis zum 30.11.15 kam etwas Neues auf die Bühne, bzw. es wird das Publikum aktiv auf eine Reise durch die Abenteuerhalle mitgenommen. Der Ankündigungstext besagte: „TAMIEH -- Wenn Gewohntes zum Unort wird und das Fremde den Staub aufwirbelt.

In einem Raum, den wir uns nehmen, vom Boden bis zur Decke. Ort, Geruch, Person, Geräusch, dieses ganz besondere Gefühl. Wir entzerren das Verzerrte, erwarten das Unerwartete, und geben den Dingen einen neuen Zweck, aber keinen Sinn!“ Das hörte sich gut an. Das Unerwartete zulassen, und keinen zu großen Sinn versprechen. In Kalk angekommen, müssen wir doch etwas länger warten als angekündigt. Man tummelt sich im Eingangsbereich der Halle und wartet gespannt. Dann endlich ertönt hinter einem Vorhang ein Gruppen-Cheer, ein Sprechgesang, der die Artisten auf ihre letzte Show, die Zugaben-Show einstimmt. Doch es herrscht leichte Verwirrung unter den Besuchern. Es geht nicht sichtbar los. Aber das Geschrei hinter den Vorhängen geht weiter, und man weiß gar nicht, wohin man gehen soll. Da die Tribüne abgesperrt ist, lugen wir hinter den Vorhang und sehen, dass sich dort bereits ein Teil der Zuschauer durch einen Gang drängt. Über den Köpfen der Zuschauer hängen zwei Mädchen in Ringen von der Decke. Sie keifen sich an mit fremden Lauten, die man, trotz fehlender Grammatik, scheinbar verstehen kann. Auf dem Boden zwei Mädchen, die ihre Turnkür üben, dazwischen schwirrt ein hektisches Kerlchen durch die Menge, das die Meute weitertreibt. Wird es vielleicht doch anstrengend experimentell heute, frage ich mich. Aber keine Zeit nachzudenken: „Bitte gehen Sie weiter!“. Vor der Veranstaltung gab es den Hinweis, dass während der Vorstellung vieles in Bewegung sei, und man nicht die ganze Zeit sitzen könne. Also gehen wir weiter, und befinden uns plötzlich in Mitten einer Kissenschlacht. Wohin nur? Mitmachen? Ich bringe mich und meine Kamera in Sicherheit und beobachte die Situation. Daneben wird auch Holz gehackt. Es fliegen Späne. Man weiß nicht genau, wo weiterhin etwas passieren wird. Alles scheint in Bewegung! Dann verlangsamt sich die Kissenschlacht plötzlich zur Zeitlupe. Als Nächstes kommen Zirkus-Klassiker, aber anders, d.h. näher und greifbarer. Die Darsteller performen ohne ein perfekt sitzen sollendes Hochglanz-Kostüm. Die jungen Darsteller räkeln sich an Seilen und Schaukeln wie wilde Tiere oder zu Scherzen aufgelegte Affen im Zoo. Es wird mit Feuer gespielt und getanzt.

Lange habe ich nicht mehr gehört, wie Zuschauer die Luft anhalten und erleichtert ausatmen, als hoch oben unter der Decke der Abenteuerhalle eine junge Artistin durch die Luft fliegt. Kurz stelle ich mir vor, was wäre, wenn doch mal etwas schief ginge. Unglück am letzten Abend? Im Schwung greift sie um, ist kurz schwerelos und erreicht dann, Gott sei Dank, den Griff der Schaukel. Elegant und doch frei wickeln sich vier Artistinnen in lilafarbene Stoffbahnen. Sie wollen keine synchrone Perfektion, was das Ganze unberechenbar wirken lässt. Wie Spinnenfrauen krabbeln sie, drehen sich ein, und fallen dann ruckartig einige Meter herunter. Wieder atmet die Menge auf.

Mit Witz, Charme und Kreativität werden die einzelnen Szenen verbunden. So „ertappt“ der Scheinwerfer scheinbar einen Artisten, der, hoch oben, Zeitung lesend auf dem Klo sitzt. Dann erscheint eine Wand, an welcher mit Hilfe eines Trampolins hochgelaufen wird. Es sieht fantastisch aus, wie sich die Künstler von einer Empore fallen lassen, oder einen Rückwärts-Salto in die Tiefe schlagen, um dann erneut gegen die Wand anzulaufen. Man bekommt richtig Lust, selber gegen die Schwerkraft anzutreten. Es gibt nicht nur bekannte Turngeräte. Drei Grazien räkeln sich wie an einem ganz normalen Sonntag auf der Couch. Nur, dass die Couch schwebt, und die drei über und untereinander her turnen, ja fast torkeln.

Szenenwechsel: Ein Rotschopf hängt kopfüber, und schafft es einzig und allein durch das Einhaken seiner Füße in Seilschlaufen, sich einen Pfad entlang zu hangeln. Die Regeln normaler Fortbewegung werden ausgehebelt. Man fühlt die ganze Zeit mit, weil die jugendlichen Künstler so nah erscheinen. Man sieht ihre Gesichter, den Ausdruck, das Schauspiel, die Freude, aber auch die Konzentration und An-/Spannung. Und immer wieder gibt es die unvorhersehbaren Spot-Wechsel.

Auf einmal stehe ich vor einem Haufen Menschen mit nackter Haut. Eine Artistin ergattert durch die Stapelung der Körper einen von der Decke hängenden großen Ring. In diesen Ring setzt sie sich gleich einem Vogel auf einem Zweig. Ein anderes Mädchen will aber nun ebenfalls gerade diesen Ring ergreifen. Sie kämpfen darum und schreien in ihrer eigenen Sprache. Das sind dann wohl die modernen Nachfahren von Clowns. Doch plötzlich geht es der einen nicht mehr darum, den Ring zu erkämpfen. Wir befinden uns in einer neuen, romantischen Szene mit einem jungen Mann mit Gitarre und einer grazilen Tänzerin mit einer vollen Badewanne. Wie eine Katze balanciert sie und schlägt Räder auf dem Wannenrand. Dann platscht sie wie ein Delphin plötzlich in die Wanne. Noch nie habe ich jemanden so mit dem Element Wasser spielen sehen. Eine Gruppe von Artisten kommt hinzu, und kippt einfach die komplette Wanne aus. Jetzt werden Feuer und Wasser in einem Tanz verbunden, der mein Herz höher schlagen lässt. Es könnte der finale Tanz sein, an dessen Ende das Licht ausgeht. Das Licht erlischt auch, großer Applaus ertönt.

Doch die Vorstellung ist noch nicht ganz zu Ende! Es folgt eine Pause, in der Gummibärchen-Spieße gereicht werden. Der zweite Teil der Show endet schließlich an einem, mit warmen Teppichen ausgelegten, Schauplatz. Die versammelten Artisten wirken wahrhaft wie die Kinder einer Großfamilie: Gekleidet in gemusterte Vintage-Pullover, mit kunstvollen Zöpfen auf dem Kopf oder schlicht wild-wuscheligem Haar. Eine gemütliche Atmosphäre entsteht. Dann wird es auf der Wippe zu Hip Hop-Beats nochmal energiegeladen und zugleich spannend. Landen die Jungs nach dem Kurzflug wieder auf dem mit Mehl bestäubten Stück Wippe? Der letzte Gegenstand, der beturnt wird, ist eine sehr lange Stange. Nicht wie beim Pole Dance, sondern eher wie beim Dorffest krabbelt die Artisten-Bande hoch hinaus, und wagt kopfüber die Füße in die Luft zu hängen. Alles endet in einem vorgetragenen Gedicht und unter großem Beifall!

Im Jahr 2010 trat der „Zirkus Impuls“ das erste Mal in dieser Form auf. Herzstück der Gruppe sind Tim Megaw und seine Lebensgefährtin Veronika Marx. Megaw studierte an den Zip Zap Circus School of Arts in Kapstadt und ist professioneller Artist und Trainer. Vor 2009 gab es alljährlich eine Wintergala, produziert von verschiedenen Kölner Jugendzentren, bis Carola Wewer, die Leiterin der Abenteuerhallen, eine Gruppe erschaffen wollte, die es allen von 14- bis 27-Jährigen ermöglicht, kostenfrei ein professionelles Training zu besuchen, das gegebenenfalls Sprungbrett zur professionellen Karriere sei.

Der „Zirkus Impuls“ trainiert seitdem zweimal die Woche. Jedes Jahr im November ist es wieder soweit, und die Ideen der Artisten werden in der Abenteuerhalle Kalk als Show inszeniert. „Wir machen alles, was und gerade Spaß macht, und worauf die Jugendlichen Bock haben!“, beschreibt Salvatore Pendolino die Atmosphäre der Gruppe, der selbst bis vor zwei Jahren noch Teil der Artistiktruppe war, jetzt aber als Mitarbeiter der Halle die Gesamt-Organisation übernommen hat.

Ich muss zugeben, die Atmosphäre der Vorstellung war äußerst charmant. 18 Jugendliche brachen mit all meinen Erwartungen und stellten sie auf den Kopf: „Kommen Sie wieder, und lassen Sie sich „verzerren“! Erwarten Sie das Unerwartete und begeben Sie sich auf eine bewegende Reise durch die Halle, den Trainingsort und unser Zuhause.“ „Sehr gerne!“, denke ich, „auf jeden Fall wieder!“

Eure Leni