Emmaus e.V. Sozialkaufhaus: Im Wechselbad der Objekte

Gastautorin: Vanessa Schaefer & Fotos: Nathan Ishar

Mitten im Nirgendwo und umringt von urbanen Industriebauten befindet sich im Kölner Stadtteil Niehl ein Ort, der Vintage-Herzen höher schlagen lässt. Wir von WE ARE CITY haben uns zum Sozialkaufhaus des Emmaus e.V. aufgemacht, um der dominierenden Kapitalismus-Kette zu trotzen und nach liebevollen Dingen zu suchen, die schon unsere Großväter hätten besitzen können.

Zugegeben, beim Betreten des über 1.500 qm² großen Geländes sind wir kurz sprachlos: Unser Blick wandert von unzähligen Literaturklassikern über Unmengen an eleganten Lederschuhen zu zahlreichen Wollmänteln und verweilt schließlich an einer gläsernen Deckenlampe im Stil des Mid Century. Willkommen im Secondhand-Schlaraffenland! Der Vorsatz, nur mal kurz zu stöbern und wirklich nichts kaufen, ist schneller verworfen als man V-i-n-t-a-g-e überhaupt sagen kann. Doch was macht den Reiz dieser Flohmarkt-Hallen aus? Zwischen Porzellan und kleinen Vasenwundern tummelt sich ein bunter Haufen an Interessierten. Scheinbar entwickelt sich in unserer Zeit ein erneutes Bewusstsein dafür, dass nicht unbedingt das eingepackte T-Shirt mit dem Schildchen made in Bangladesh die beste Wahl ist. Vielmehr soll dem herrschenden Materialismus ein Stück weit die Stirn geboten werden, indem Aussortiertem ein neuer Wert zugesprochen wird.

Zitat von Sandra/ junge Mutter aus Köln:

Hier findet man Gegenstände mit Seele. Kleinigkeiten, die meine Oma zum Kochen verwendete. Dinge, die ich eben nicht in einem Kaufhof-Regal finde.
— Sandra

Auf der Suche nach den kleinen Schätzen von Gestern scheinen das bekannte piekfeine Antiquariat oder der angesagte Vintage-Shop aus der Innenstadt nicht mehr die erste Anlaufstelle zu sein. Die aufregenden Räume von Emmaus haben Charme und bieten genügend Raum für ein reges Flohmarkt-Treiben. Doch steckt hinter dem Konzept der Emmaus e.V. einiges mehr als eine günstige Einkaufsmöglichkeit.

Schnell kommen wir ins Gespräch mit Frau Drechsler, die vor 60 Jahren die Gemeinschaft mit ihrem Ehemann ins Leben gerufen hat. Ende der 50er Jahre sollte ein Feriencamp für Kinder die Deutsch-Französische-Freundschaft wieder stärken. Zur Finanzierung dieser wurde zur ersten deutschen Brockensammlung aufgerufen – mit gewaltigem Erfolg!

Zitat von Frau Drechsler/Mitgründerin der Gemeinschaft Emmaus e.V.

In Belgien und Frankreich wusste man damals schon was ein Flohmarkt ist. In Deutschland gab es nur Antiquariate. Wenn man etwas Gebrauchtes abgeben wollte, dann tat man es nur unter Freunden.
— Frau Drechsler

Die gegenseitige Unterstützung, das Angebot von preiswerten Waren und das Zusammenkommen unterschiedlichster Menschen waren Phänomene, die in der schwierigen Nachkriegszeit sehr rar gesät waren. Nur durch den starken Zusammenhalt, den Emmaus seit 1954 zutage brachte, konnte die Existenz dieses sozialen Konzepts über Jahrzehnte gewahrt werden.
Der wechselseitige Akt des Spendens und Erwerbens ersetzt die einseitige Shoppinglust. Immerhin haben Minimalismus und Qualität längst das Streben nach Quantität abgelöst. Unter dieser Prämisse misten wir unsere Kleiderschränke aus und befüllen mit gutem Gewissen riesige Altkleidertüten. Die Emmaus-Läden nehmen täglich Spenden an, nur auf Sauberkeit und Qualität sollte man achten. Raum für Neues schaffen, lautet die Devise! Also weg mit den ollen Billigmöbeln, damit mal wirklich individuelles Interieur unsere Wohnungen gemütlich macht.

Zitat von Pascale Does/Mitarbeiterin seit 30 Jahren:

Super viele Studenten kaufen bei uns eins. Ganz egal, ob sie eine neue Holzkommode, ein Bett oder Küchenelemente brauchen.
— Pascale Does

Im März dieses Jahres hat die dritte Filiale von Emmaus e.V. in Riehl eröffnet. Zwar ist diese ein wenig kleiner, doch arbeiten hier nicht minder engagierte Menschen. Ohne Emmaus würden die meisten von ihnen in Frauen- oder Flüchtlingshäusern leben und noch immer auf eine Gelegenheit zum Weitermachen warten.
Eine Möglichkeit zum Neubeginn oder einfach ein ehrliches Lächeln bekommen hier Menschen, die etwas mehr Halt als einen neuen Job suchen – ganz egal, welchen Hintergrund diese besitzen. Nur durch die Hilfe von vielen Ehrenamtlichen können in Köln gleich drei Sozialkaufhäuser sowie eine mobile Suppenküche bestehen.

Zitat von Pascale Does/Mitarbeiterin seit 30 Jahren:

Die Emmaus-Bewegung ist international. Klar ist aber auch, dass wir vor allem lokal helfen wollen und können.
— Pascale Does

Nach mehreren Stunden verlassen wir Emmaus mit einem Lächeln. In unserem Beutel haben wir einen neuen Cashmere-Pulli mit Lieblingsteil-Potenzial – in unserem Gedächtnis so einige interessante Bekanntschaften mit ehrlichen Geschichten.

Emmaus Gemeinschaft Köln e.V.
Geestemünder Str. 42
50735 Köln

emmaus-koeln.de 

Emmaus Möbelhalle Riehl
Barbarastraße 3-9, Halle 8
50735 Köln

Das "Lädchen"
Baudriplatz 16
Köln-Nippes

Eure Vanessa & Euer Nathan


Gastautorin Vanessa Schäfer stellt sich vor:

Vanessa Schaefer
Studentin Deutsche Sprache & Literatur

Manchmal fühle ich mich wie ein kleiner Vagabund: Entweder sitze ich in der Bibliothek, verschlinge Texte für mein Studium, oder laufe durch die Straßen Kölns, auf der Suche nach neuen Cafés und ausgefallenen Boutiquen. So einiges lässt sich entdecken, wenn man nicht zuhause bleibt …