Generation Beziehungsunfähig

Text: Lena Sommer & Fotos: Leni Wolf

„Generation Beziehungsunfähig.“ - Zwei Millionen lasen den Text von Michael Nast, der im April 2015 im Internet erschien. Ein gewagtes Statement. Jetzt, sieben Monate später tourt er mit einer gleichnamigen Lesung durch Deutschland und landete so am 21.11 auch in Köln. Fast zweitausend Zusagen auf Facebook gab es, die Internetresonanz ist immens.

Es hat sich bereits eine Schlange gebildet, als ich eine Viertelstunde nach Einlassbeginn in das Hörsaalgebäude der Uni Köln eintrete. Sofort fällt mir die hohe Frauenquote auf, die auf den Sitzen des Hörsaals selbst bestätigt wird. Der Andrang ist groß, alle Veranstaltungen in Köln waren ausverkauft. Eine Viertelstunde vor Beginn tröpfeln dann doch die einen oder anderen männlichen Hörer in den Raum und verbessern ihre Quote auf ganze 10%.

Eigentlich sollte der Vortrag um acht Uhr beginnen, um viertel nach ist immer noch nichts passiert außer das ein frisches Wasserglas auf dem Rednerpult platziert wurde. Hin und wieder kommen Klatschchöre auf und bestätigen zusätzlich zu den Wein- und Bierflaschen meinen Eindruck, dass ich auf einem Unterhaltungsevent gelandet bin und nicht auf einer Lesung. Zwanzig nach betritt Michael Nast endlich sehr schlicht den Raum. Die Zuhörer klatschen. Er begibt sich ans Rednerpult.

Es vergehen weitere fünfzehn Minuten in denen der Auto möglichen Biernachschub in der Pause anbietet und sich selbst erneut ankündigt um mit tosendem Applaus begrüßt zu werden. Endlich stellt er seinen ersten Text vor „Ich nehm' auch die Hässlichere“. Allerdings beginnt er nicht zu lesen, sondern erzählt vorerst dass der beteiligte Freund der Geschichte anwesend ist, holt ihn nach vorne und überreicht ihm ein Bier. Die Geschichte, die darauf folgt hat ähnlich viel Gehalt wie das Auftreten des vermeintlichen Freundes, das doch eher inszeniert wirkt. Der Text schildert eine wilde Partynacht der beiden Männer und der Eindruck einer Comedyveranstaltung wird erneut verstärkt. Aber dem Hörsaal scheint es zu gefallen. Jede der gekonnt gesetzten Pausen (ungefähr nach jedem zweiten Satz) füllen die Hörer mit lautem Gelächter.

Der zweite Text ist dann doch etwas ernster. Er schildert seine Gedankengänge nach einem Gespräch mit seinen Eltern und philosophiert über den vermeintlichen Credo unser Generation, dass unser „Projekt Ich“ es uns unmöglich macht zu einem „Wir“ zu werden. Die Selbstverwirklichung sei heute unser höchstes Ziel. Arbeit und Hobby würden nicht mehr getrennt wie früher, sondern wir hätten den Anspruch, dass „unser Job zur Berufung“ wird. Für kurze Zeit stellt sich die Stimmung ein, welche ich bei dem Wort „Lesung“ erwartet hatte. Die Menschen hören gespannt zu, doch der Leser selbst erschwert es mir durch seine Betonung und ein durchscheinendes Grinsen die Thesen, die er aufstellt ernst zu nehmen. Jedes Individuum sei heutzutage auf der Suche nach Selbstoptimierung und wolle nicht von dieser durch die Arbeit einer Zweisamkeit abgelenkt werden. Dabei könne man doch auch diese für die eigene Verbesserung nutzen, bemerkt er. Eine Beziehung gibt mir die Möglichkeit mich selbst durch andere Augen zu sehen und mich noch besser zu bewerten. Ich frage mich, ob dass der Sinn sein sollte. Brauche ich vier Augen um mich klarer zu sehen? Wie groß dürfen die Ich-Projekten sein, damit es Platz für ein Projekt „Wir“ überhaupt gibt? Oder ist das „Projekt Wir“ veraltet und heute nicht mehr aktuell?

Ein Zitat bleibt in meinem Kopf hängen als er von Selbstverwirklichung spricht: „Jeder ist seine eigene Marke. Die Maske sitzt - bis man irgendwann das Gefühl für sich selbst verliert.“ Mir scheint es als ertrage der Autor die Wahrheit seiner eigenen Worte nicht und kehrt mit seinen nächsten zwei Texten zu der von Witz überfluteten Selbstdarstellung des Anfangs zurück. Und dann ist auch schon Pause.

„Er schildert einfach unseren Alltag.“, sagen die Mädels, die ich in der Pause anspreche um mir ein Bild über die Eindrücke zu verschaffen. Sie hätten die Geschichten teilweise genau so erlebt und es wäre sehr unterhaltsam die „Tragik der Lage“ mal mit Humor zu sehen. Die Tragik der Sachlage?! Ist es Tragik, dass jeder eine Weltreise macht? Sich selbst verwirklichen will? Die Gesellschaft sei nur auf erzwungene Selbstdarstellung gepolt und würde sich keine Zeit mehr für Beziehungen nehmen, ist ihre Meinung. Ein Gespräch mit einem Vertreter einer älteren Generation bestätigt diesen Eindruck. Ein Pärchen in den neuen 50igern, die nach Michaels Nast These der Verschiebung entsteht, wenn man sagt, dass das 40 das neue 30 und 30 das neue 20 ist, begleitet nach einem Küchentischgespräch ihre Tochter. Der Hochschullehrer hat Interesse an den Menschen, die er sonst nur unterrichtet und findet seinen Eindruck durch die Lesung bestätigt. „Wir haben studiert um zu leben, um Leute kennen zu lernen. Die Studierende sind viel zielstrebiger und auf den Job fokussiert. Ohne Murren nehmen sie hin, wo wir schon lange auf die Barrikaden gegangen wären.“ Er sieht die Veranstaltung eher Gelassen und kann gut über die satirischen Geschichten des 37-jährigen lachen.

Langsam beschleicht mich der Eindruck, dass ich die einzige bin, die mit den falschen Erwartungen den Raum betreten hat und so leider enttäuscht wurde. Erwartungen bestimmen dann doch immer viel unsere Meinung über das, was kommt.

Der dritte Mensch der mir begegnet, teilt dann eher meinen eigenen Eindruck. Ein „gegessenes Brot“ sei es. Es stimmt, der Autor schildert Momente aus seinem Single-Leben, die jeder von uns kennt. Die Situationen, die Anmachsprüche, die klassischen Debatten über den Putzplan zwischen Mann und Frau. Aber ist unser Leben so platt wie es heute Abend dargestellt wurde? Und wenn ja und wir es wissen, warum ändert man es nicht?

Nach einer halbstündigen Pause statt den fünfzehn Minuten, die angesetzt waren, geht es weiter. Die Reihen des Hörsaals sind zwar immer noch gutgefüllt, aber er gibt doch ein paar leere Sitze, die vorher noch belegt waren. Michael Nast beginnt mit dem Text „Die perfekte Liebe - Illusion oder Realität“. Pause für Gelächter. Die Geschichte handelt von einer seiner ersten Frauenschwärme und wie er sie zwei Jahre später kennen lernt und die Illusion der schönen Josephine in tausend Teile zerbricht. Darauf folgt ein Text über Lebensträume. Wie wir alle dazu neigen, aus Faulheit unsere Träume immer wieder aufzuschieben. „Eigentlich wollte ich immer ...“ sagen wir dann am Ende wenn es zu spät ist, dass haben schon Blumentopf mit ihrem Manfred Mustermann Lied besungen. Die Menschen wollen die Sicherheit des Jobs, den sie aus Vernunft dann doch erst einmal erlernt haben, nicht aufgeben. Er warnt davor immer mehr Kompromisse zu machen, weil schnell das ganze Leben zum Kompromiss wird. „Wagt, springt!“, fordert er den Hörsaal seine Träume wieder in Angriff zu nehmen. Das Projekt "Ich" weiter zu fördern, sich selbst verwirklichen.

Hinter mir verlassen zwei junge Männer den Raum. Ich folge ihnen und erkundige mich warum sie schon gehen. „Die Luft ist raus. Er scheint selber keinen Bock mehr zu haben. Der erste Teil war ja noch ganz witzig, aber jetzt. Zu platt, zu plakativ und er selbst nimmt sich ja nicht mal ernst. Wie sollen wir dann, das was er sagt ernst nehmen?“ Soll man es überhaupt ernst nehmen? Ist dieses ganze Thema für uns noch relevant wenn wir es bei einem gefühlten In-Event mit Wein und Bier begießen? Oder ist die Tragik so groß, dass wir sie nur durch Humor ertragen? Ist sein Grinsen Schutz gegen eine fehlende Kernaussage? Was habe ich heute erfahren, was ich nicht schon wusste? Dass meine Generation sich nicht festlegen will, ja klar, dass weiß mittlerweile jeder. Dass wir uns selbst verwirklichen wollen? Das zeigt uns Facebook jeden Tag. Aber ist das falsch? Warum soll ich nicht meinen Traum leben wollen? Und sind sein Traum leben und eine Beziehung leben wirklich ein Widerspruch? Kann nicht mein Traum auch eine Person sein? Beziehungsweise war das früher nicht so? Den oder die Eine finden? Heute suchen wir das Eine? Aber was bringt uns das Eine, wenn wir es nicht mit jemandem teilen können? Um es wieder in Blumentopfs Worten zu sagen: „Du bist kein Hindernis für das was ich tue, du bist die Basis.“ Steckt nicht hinter dem Tinderprofil trotzdem jemand, der gerne ein Projekt Wir starten würde?

Ein junge Frau, die mit ihrer Freundin ebenfalls die Veranstaltung vorzeitig verlassen hat, ist aus einem anderen Grund außer „Ja, ich habe die Veranstaltung bei Facebook gesehen und ja das ist ja das Thema unserer Generation, deswegen bin ich mal hingegangen“ gekommen. Sie ist vollkommen anderer Meinung als Michael Nast und wollte eigentlich hören, wie er seine These begründet, dass jeder in ihrem Alter nicht fähig sein soll, eine Beziehung zu führen. Sie wurde bitterlich enttäuscht. Neue Erkenntnisse hat hier wohl keiner erlangt. Und Beziehungsunfähigkeit - was soll das Wort eigentlich bedeuten? Das Wort Fähigkeit beinhaltet die Aussage, dass etwas angeboren ist. Dementsprechend kann uns nicht die gemeine Gesellschaft dazu gemacht haben. Unsere Eltern hätten uns diese Unfähigkeit mit in die Wiege legen müssen, aber laut Michael Nast lebt die Generation seiner Eltern noch nach dem alten Ideal Partner, Kinder, Haus. Wenn überhaupt müsste es Beziehungsunfertigkeit sein ... und das ist jetzt die Frage? Hat der fortschreitende Individualismus uns die Fertigkeit genommen Beziehungen aufzubauen?

Natürlich ist festlegen anstrengend und braucht Kraft, aber ist es das nicht wert? Wenn man sich mal auf das Eis traut und den Schritt wagt? Es muss mittlerweile, eine klarere Entscheidung sein. Liebe passiert zwar auch heute noch einfach so, aber in einer Zeit, in der an jeder Ecke eine passende Multiperspektive-Persönlichkeit wartet, die zu einer Rolle unserer Patchworkidentität passen könnte, muss ich mich selbst mehr dazu entscheiden einen Teil meiner Selbst und den dazu passenden Menschen zu wählen. Wir alle haben so viele Facetten an uns, dass es scheinbar utopisch ist, jemanden zu finden, der auf längere Sicht interessant bleibt.

„Generation Beziehungsunfähig“ - so scheinen wir zu heißen. Ich persönlich glaube nicht, dass das richtig ist. Wir haben nur die Muße und den Glauben daran verloren, dass es funktionieren kann. Dass die andere Wahlbiografie sich für uns entscheidet – und das vielleicht länger als fünf Minuten. Und bevor sie sich nachher gegen uns entscheidet, komm ich ihr doch besser zuvor, damit ich weiter als der unerreichbar coole Typ an der Bar stehe. Mein Herz sicher verwahrt in einer kleinen Kiste unter dem Bett.

Michael Nast – als Mitarbeiter einer Werbeagentur - trifft mit seinen Worten ganz klar einen Nerv der Gesellschaft. Das hat er auch selbst erkannt und weitetet seine Arbeit diesbezüglich aus. Sein neues Buch erscheint im Februar 2016. Seine Texte treffen das Gefühl vieler unserer Generation genau auf den Punkt und geben ihr neuen Stoff über etwas zu diskutieren. Wenn man zwei Stunden die Tragik mit Humor sehen möchte ist diese Veranstaltung genau das Richtige, eine kurze Pause von der Schwere kann jedem Mal gut tun. Wer sich allerdings ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen möchte, sollte bei der Literatur bleiben. Die Geschichten an sich fangen die Atmosphäre in deutschen Großstädten sehr gut ein und befassen sich mit dem alltäglichen Brot von vielen. Sie können einem helfen sich das Thema vor Augen zu führen, doch das was man selbst davon hält, sollte doch wohl noch jeder für sich entscheiden. Für seine kleine Welt und sein kleines Ich oder Wir Projekt.

Die nächste Lesung findet am 20. & 21.02 statt. Mehr Infos hier: FB Event

Eure Lena Sommer & Leni