Hinter den Kulissen bei Zirkus Flic Flac

Text: Gina Käding / Fotos: Gina Käding & Christian Schaffrin

Um 19.59 Uhr wird es für einen kurzen Moment ruhig im Backstage Bereich des Zirkuszeltes. Die Artisten bringen sich in Position, gleich beginnt die Show. So viel Glamour eine Zirkusmanege auch verstrahlt, wenn sie zum Schauplatz wird für waghalsige Kunststücke, so einfach hält man es hinter der Bühne. Ein großer dunkler Raum, ein verblichenes Sofa in der Ecke, daneben ein Kicker und Requisiten, so weit das Auge reicht, eingefärbt vom gelblichen Licht, dass die Deckes des Zeltes reflektiert.

Aus der Manege klingt dumpf der frenetische Applaus des Publikums, als die Band aufspielt – es geht los. „Oh man, ich hab so Bock“, hat kurze Zeit vorher ein Mädchen am Einlass zu ihrer Begleitung gesagt. „Bock“ auf Zirkus haben offensichtlich auch die restlichen Zuschauer. Wer macht das nicht gerne, stundenweise in eine neue Welt eintauchen. Eine, in der man schon beim Eintritt ins Zelt von dem Geruch von Popcorn begrüßt wird. Herrlich!  

„Höchststrafe“ lautet der Titel der aktuellen Flic Flac Show. Der Name ist tatsächlich Programm. Artistik vor der Kulisse einer Strafvollzugsanstalt – das klingt nicht unbedingt nach bonbonfarbener Zirkusromantik. Aber darum geht es hier auch gar nicht. Wer stolpernde Clowns mit roten Nasen und Kitsch wünscht, der ist bei Flic Flac an der falschen Adresse.

"Für mich war das Umherziehen normal – es war etwas Besonderes, wenn jemand ein Haus hatte und immer am selben Ort blieb."

„Wir stehen für eine sehr moderne Art von Zirkus“, erzählt Artistin Tatjana Kastein. Mit ihren strahlend grünen Augen und den langen dunkelroten Haaren kann man sie sich gut in einer Manege vorstellen, auch jetzt, wo sie in einem Nebenzimmer das Kassenwagons sitzt und vom Zirkusleben erzählt. „Bei uns verschwimmen die Grenzen, das ist Entertainment und auch Theater.“

Die 23-Jährige ist hier aufgewachsen, ihr Vater, Benno Kastein, gründete Flic Flac Ende der 80er Jahre. So lange touren sie schon, von Stadt zu Stadt, stellen etwa alle zwei Jahre ein neues Programm auf die Beine. „Wenn man noch jung ist, dann ist einem ja gar nicht so bewusst, dass es etwas Außergewöhnliches ist in einem Wohnwagen zu leben und umherzuziehen“, erinnert sie sich lachend. „Für mich war das etwas Besonderes, wenn jemand ein Haus hatte und immer am selben Ort blieb.“

Und auch, wenn sie aus Trotz im Alter von zehn Jahren mal kurze Zeit behauptete, sie wolle lieber Tierärztin werden – ein Leben ohne Zirkus ist für sie schon immer unvorstellbar.

Mit sechs Jahren begann sie für die Manege zu trainieren. „Wenn man ständig sieht, was die Großen da machen, möchte man natürlich so schnell es geht auch dabei sein.“ Drei Stunden tägliches Training fielen für das damals junge Mädchen damit an - zusätzlich zu anderen Pflichten. Die waren für sie übrigens nicht anders als für andere Kinder auch. „Wir hatten einen Privatlehrer, der uns Zirkuskinder sechs Stunden am Tag unterrichtet hat - in einem extra dafür eingerichteten Wohnwagen. Wir hatten eine Tafel, Schulbücher, ganz normal eben.“ Nur, dass eben Räder unter dem Klassenzimmer waren und wenn es nach ein paar Wochen in eine neue Stadt ging, dann rollte die Schule mit.

„Flic Flac ist kein normaler Zirkus“ – wenn Larissa das sagt, klingt hörbar Stolz in ihren Worten mit.

Als Tatajana mit elf Jahren dann das erste Mal vor Publikum stand, war ihre große Schwester Larissa schon ein alter Hase in der Manege. Mit gerade einmal 28 Jahren blickt sie auf 22 Jahre Bühnenerfahrung zurück. „Und trotzdem, wenn die Leute am Ende einer Show aufspringen und klatschen, dann bekomme ich immer noch Gänsehaut.“

Mittlerweile steht sie aber nicht mehr nur vor Publikum, sondern erarbeitet gemeinsam mit dem Vater die Konzeption und kreative Umsetzung der neuen Shows. „Das hat mich immer interessiert, und ich hatte das Glück, da reinzuwachsen.“

Dass viele Menschen mittlerweile weniger Interesse am Zirkus an sich haben, das könne schon sein, sagt Larissa: „Aber Flic Flac ist auch kein normaler Zirkus“ Und bei diesen Worten schwingt viel Stolz in ihrer Stimme mit und ihre Augen blitzen herausfordernd, als sei sie bereit, es jedem Zweifler sofort zu beweisen.  

Den Stil von Flic Flac beschreibt sie als „verrucht“, „düster“ und „provokant“. Das darf, nein, das muss auch mal anecken. Clown Hubi etwa, der nicht weiter vom üblichen Klischee mit roter Nase und bunter Hose entfernt sein könnte, provoziert gerne mit seinen Witzen und genießt es sichtlich den ein oder anderen Zuschauer aus seiner Komfortzone zu kitzeln.

Dazu kommen andere zirkusuntypische Momente, wie das von innen komplett schwarze Zirkuszelt, das hohe Tempo der Show – „Den Leuten ist gar nicht bewusst, wie aufwändig das für uns ist, die einzelnen Auftritte so zu koordinieren, dass der Ablauf so reibungslos und schnell funktioniert“, erklärt Larissa. Die Zuschauer sollen lachen, mitfiebern. „Nur Langeweile, die darf nicht aufkommen.“

Eine unbegründete Sorge könnte man denken, wenn man sie kurze Zeit später kopfüber an der Poledance Stange hängen sieht, und wohl der Herzschlag eines jeden Mannes im Raum für kurze Zeit aussetzt.

So provokativ der Zirkus nach Außen hin oft auftreten mag, hinter den Kulissen ist die Atmosphäre herzlich und auch während der Show von einer beneidenswerten Lässigkeit geprägt. Die einen unterhalten sich, andere wärmen sich auf. In jeder noch so kleinen Pause zwischen den Auftritten scharrt sich eine kleine Gruppe um den Kicker und trägt ein Match aus. Wettbewerb im Backstage Bereich, Teamwork draußen in der Manege. Dazwischen laufen Kinder herum, denn hier hat immer jemand Zeit zum Herumalbern und Toben – unter ihnen auch die zweijährige Liliya, deren Mutter, die Artistin Julia Galenchyk, in der Manege gerade in schwindelerregenden Höhen von der Decke hängt.

Julia stand drei Monate nach der Geburt wieder in der Manege - die Artistik ist ihr absoluter Traumberuf.

„Ich weiß noch, wie die Ukrainerin Jekaterina Serebrianskaja in der Sportgymnastik bei den Olympischen Spielen Gold holte. Ich war 13 Jahre alt und ab diesem Zeitpunkt wollte ich unbedingt auch so etwas machen“, hat Julia kurz vor ihrem Auftritt noch erzählt. Für den Profisport war sie damals schon zu alt, und so fand sie ihren Weg in eine kleine Zirkusschule in der Ukraine.

2008 kam sie nach Deutschland, um ihr Engagement bei Flic Flac anzutreten. Mit 28 Jahren hat sie bereits an vielen Orten gearbeitet, unter anderem sogar im Cirque du Soleil. „Dort herrschte ein sehr strenge Atmosphäre – bei Flic Flac fühle ich mich viel freier.“ Für sie das Schönste: An vielen Abenden kann sie gemeinsam mit ihrem Mann Dmytro auftreten, der ab November vollständig zu Flic Flac wechselt. „Es ist toll, mit dem Partner so eng zusammen zu arbeiten, denn selbst wenn wir uns mal streiten, wir wissen, dass wir immer hundert Prozent für den anderen da sind.“

Drei Monate nach der Geburt der gemeinsamen Tochter stand sie damals schon wieder in der Manege – keine leichte Aufgabe, aber für sie jeden Tropfen Schweiß wert. „In der Artistik habe ich meinen Traumjob gefunden.“

Julian wusste nie, dass ihn sein Weg mal in den Zirkus führen würde – dafür arbeitet er jetzt umso härter für seinen Traum.

Was in der Manege scheinbar mühelos wirkt, benötigt jahrelanges hartes Training. Wer nicht wie Larissa oder Tatjana damit aufgewachsen ist, der muss später umso härter an sich arbeiten. Diese Erfahrung macht Julian gerade – mit 23 Jahren kann man ihn getrost als Späteinsteiger in der Zirkuswelt betrachten. Er hat auch selbst nie gewusst, dass ihn sein Weg einmal dorthin führen würde.

„Mit 13 Jahren habe ich erfahren, dass ich Verwandte im Zirkus habe. Ab diesem Zeitpunkt war ich regelmäßig hier“, erinnert er sich. „Nach dem Fachabitur wusste ich dann nicht so recht, wie es weitergehen sollte.“ Die Überlegung, ein Jahr Work und Travel in Australien zu machen schlug er in den Wind, als Tatjana ihm anbot, doch einfach eine Zeit lang im Zirkus mit anzupacken. Das Zirkusfieber steckte ihn an, er lernte seine Freundin, ebenfalls eine Artistin, kennen.

"Wenn man dann einmal hier ist, dann will man irgendwann mit den anderen auftreten."

Seit einem Jahr trainiert er dafür, quält sich beim Stretching, hält streng Diät. „Gerade der Anfang war zäh, aber langsam läuft es an und ich mache Fortschritte.“ Seinen früheren Freunden fehlt manchmal das Verständnis für seinen neuen Lebensplan, doch die Familie unterstützt ihn. „Ich finde das Leben hier einfach toll, allein schon, weil man so viel herumkommt.“

"Wegen dem Zirkus bin ich der geworden, der ich bin."

Doch egal, wie viel man trainiert und sich vorbereitet auf das Leben als Artist – ein Restrisiko bleibt bei vielen waghalsigen Nummern. Das hat auch Trapez und Diabolokünstler Nicolai schon erfahren, als er bei einem Auftritt in Moskau trotz Sicherung stürzte, weil sich ein Drahtseil löste. „Ich habe aber nie daran gezweifelt, ob mein Beruf das Risiko wert ist. Der Zirkus hat mir so viele tolle Momente ermöglicht, ich habe so viel Spaß hier – das ist es eben auch, was mich als Mensch ausmacht.“ Früher, da hatte er noch kleine Rituale vor seinen Auftritten, hat immer dasselbe Lied gehört, mittlerweile lacht er über seinen Aberglauben von damals. Für seine Arbeit ist er im vergangenen Jahr rund fünf Monate in Kanada gewesen, um sich bei einem international bekannten Trainer am Trapez fortzubilden.

2013 ging es für Flic Flac nach einer kurzen Unterbrechung weiter – mit neuen Showelementen und dem Anstreben eines Weltrekords

25 jähriges Jubiläum feierte der Zirkus zuletzt – auch wenn Flic Flac im Jahr 2010 zeitweise seine Pforten schloss. „Das war hart, in dem Moment hat sich unser Zuhause aufgelöst und es sah nicht so aus, als würde es nochmal weitergehen“, erinnert sich Larissa. Sie und ihre Schwester nahmen anderweitig Engagements an, traten in dieser Zeit in der Schweiz und Frankreich auf. Doch auch Benno Kastein hielt es nicht lange ohne den Zirkus aus - vor allem, nachdem er zahlreiche neue Ideen in Amerika und Australien gesammelt hatte. Larissa: „Da gab es einfach so viel, was in Deutschland in dieser Form noch niemand probiert hatte.“ Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Töchter ging es dann 2013 weiter.

Eines dieser neuen Highlights in der Show ist die so genannte „Todeskugel“, in der während dem großen Finale jeder Show eine Gruppe Motorradfahrer herumwirbelt - und mit der der Zirkus im vergangenen Jahr sogar den Eintrag im Guinness Buch der Rekorde anstrebte.

„Wir überraschen das Publikum vielleicht erstmal, aber die meisten reagieren begeistert auf unseren Ansatz“, erzählt Tatjana. „Nach der Show kommen oft Leute zu uns und sagen, wir wussten ja gar nicht, dass Zirkus auch so sein kann.“

Noch bis Ende dieser Woche ist der Zirkus Flic Flac am Barmer Platz in Deutz zu Gast  – Uhrzeiten & Tickets findest du auf www.flicflac.de.

Eure Gina & Euer Christian