Jack in the Box: Ein Umzug nach Köln-Bayenthal

Text: Charlotte Ebert & Fotos: Beatriz Montilla

Denkt man an „Jack in the Box“ fallen einem sofort die Veranstaltungen „nachtkonsum“, der „Olympus Playground“ und der Club „Jack Who“ ein. Bis Ende 2016 fanden regelmäßig kulturelle Veranstaltungen auf dem alten Güterbahnhof in Ehrenfeld statt, die sich einer hohen Beliebtheit erfreuten. Als uns im Herbst letzten Jahres die Nachricht erreichte, dass der Club schließen würde und auch keine anderen Events mehr auf dem Gelände stattfinden sollten, wurden wir traurig und wehmütig. Und ein bisschen sauer. Vermuteten wir dahinter doch das Vorhaben eines gemeinen Bauriesens, der ein weiteres Einkaufszentrum plante und für den der Schauplatz für Kreativität weichen musste.

Martin Schmittseifer erzählte uns dann, wie es wirklich war. Martin ist der Vorstand von Jack in the Box, ein gemeinnütziger Verein, bei dem es hauptsächlich um Beschäftigungsförderung für Arbeitslose geht. Dies ist die Ursprungsgeschichte eines Vereins und seinen Perspektiven, mit denen die Vereinsmitglieder seit dem Umzug nach Bayenthal arbeiten.

Martin ist Sozialarbeiter und arbeitet seit Jahren mit langzeitarbeitslosen Menschen. Schon immer fand er die Sinnhaftigkeit der Tätigkeiten für Ein-Euro Jobs ein bisschen fragwürdig. Denn die „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“, wie der Ein-Euro Job offiziell genannt wird, muss drei Kriterien erfüllen: Er muss wettbewerbsneutral sein, im öffentlichen Interesse und die originäre Aufgabe eines Unternehmens darf nicht angerührt werden. Martin erklärt das so: 

Die Tafel wurde gegründet, um bedürftigen Menschen Essen auszuteilen. Ein Ein-Euro Jobber darf kein Essen austeilen. Das ist die Aufgabe von den ehrenamtlichen Mitarbeitern. Der Ein-Euro Jobber darf die bedürftigen Menschen begrüßen.
— Martin Schmittseifer

Ausbau von Seecontainern

Martin lacht. Er überlegt sich ein Konzept, wie er Langzeitarbeitslosen eine sinnhafte Beschäftigungsmaßnahme geben kann. Und kommt auf den Ausbau von Seecontainern. Die haben ihn schon immer fasziniert. „Arbeitslose sollten Seecontainer für kulturelle Nutzungen ausbauen, das war die Grundidee.“ Deshalb auch der Name, „Jack in the Box“. Jack in the Box ist eigentlich ein amerikanisches Kinderspiel, zu Deutsch: „Kistenteufel“. Es ist eine Kiste mit einer Handkurbel. Dreht man diese, ertönt eine Melodie und am Ende des Liedes springt ein Clown aus der Kiste. „Der Kastenteufel ist eine freudige Überraschung“, sagt Martin. Zusammen mit Kollegen gründet Martin 2006 den Verein. Mit ihrer Grundidee treten sie ans Jobcenter heran. Hartz IV wird gerade neu umstrukturiert: „Es war eine gute Zeit, um ein neues Projekt am sozialen Markt zu platzieren“, erklärt Martin.

In der Christian- und Herbrandsstraße in Ehrenfeld bekommt der Verein Teile der dort leerstehenden Hallen für ein Jahr. Parallel suchen Martin und sein Team nach einem Alternativort und werden auf den Güterbahnhof an der Vogelsangerstraße aufmerksam gemacht. Wusstet ihr, dass hier bis in die 1980er Jahre ein Kartoffelhandel beheimatet war? Per Bahn kamen die Kartoffeln dort an, wurden gewaschen, verpackt und an alle möglichen Kölner Kantinen und Restaurants ausgeliefert.

Die Container kommen an

Es folgten erfolgreiche Jahre für den Verein. Von 2006 bis 2012 wurden in der Montagehalle Seecontainer aus- und umgebaut. Arbeitslose Fachkräfte rissen Wände heraus, machten Metallarbeiten, bauten Fenster ein und kümmerten sich um den Innenausbau und die Dämmung. „Wir hatten alle Fachberufe mit an Board: Architekten, Schreiner oder Elektriker“, sagt Martin. Köln hatte viele Arbeitslose zu der Zeit, knapp 50.000. Die GAG Immobilien AG sponsert den Verein. Noch heute finden sich an der Fachhochschule Köln vier umdesignte Container, die den Studenten als Workshopräumlichkeiten dienen. Und das Jugendzentrum Vingst bekam drei Container, die für Jugendsozialarbeit genutzt werden. Die Container kommen an, sogar bis nach Erlangen. Durch Zeitungsberichte, Ausstellungen und Fachartikel erlangt der Verein mit seiner Beschäftigungsmaßnahme überregionale Bekanntheit, die wiederum einige schöne Projekte ermöglichen. Auch kleine, übersichtliche Veranstaltungen fanden statt, Ausstellungen, Konzerte oder Breakdance-Wettbewerbe.

Viele Ein-Euro Jobs seien laut Martin nicht sichtbar: „Es gibt die klassische Parkreinigung und hier und da kleine Helfertätigkeiten.“ Aber nie dürfe es zu arbeitsnah sein oder gar Arbeitsplätze verdrängen. „Von daher ist es eine gewisse Kunst, überhaupt einen sinnvollen Ein-Euro Job zu kreieren“, sagt er. Mit dem Verein sei es ihnen jedoch ganz gut gelungen.

Vielversprechende Kooperationen

Bis der Ausbau von den Seecontainern nicht mehr gestattet wurde. „Juristisch und überhaupt rechtlich zu unklar“, hieß es. Es war 2010, die Krise herrschte. In allen Bereichen, in denen es um Arbeitsmarktförderung ging, wurde Geld gekürzt. Auch bei Jack in the Box kam es zu heftigen Kürzungen. Das sei der Moment gewesen, in dem umgedacht werden musste, 50 Prozent weniger Geld, „das konnte nicht kompensiert werden“, sagt der Vorstand.

2011 fand also zum ersten Mal der Nachtflohmarkt "nachtkonsum" statt und schnell wurde klar, dass dies für alle Beteiligten eine vielversprechende Kooperation war. Als auch noch der Olympus Playground als Veranstaltung kam, konnte sogar ein größerer Umbau finanziert werden, sodass die Location noch höherwertig wurde. Es lief gut.

Wohnraum statt Kultur

Dennoch hatte der Verein schon immer Verträge, die jährlich kündbar waren. Der Vermieter ist nicht die Stadt Köln, sondern ein Immobilienunternehmen, das eine Tochterfirma der Deutschen Bahn AG ist: die Aurelis Real Estate GmbH. Bereits 2015 kündigte sich langsam an, dass der Vertrag von Jack in the Box wohl nicht mehr verlängert werden würde. Denn für das Gelände sind knapp 450 Wohnungen geplant. Wie geht es einem damit? „Wir wussten ja schon lange, dass dieses Verfahren geplant ist. Unser Vermieter war immer entgegenkommend mit uns“, sagt Martin. Wenn es wirtschaftliche Schwierigkeiten gab, und die gab es, sei die GmbH immer sehr fair mit dem Verein gewesen:

Wir spucken denen, die uns das hier ermöglichen nicht in die Suppe. Wir brauchen ja auch Wohnungen!
— Martin Schmittseifer

Wohnraum statt Kultur also. Doch es besteht die Möglichkeit, auf dem Gelände eine Art kulturelles Zentrum aufzubauen. Mit Proberäumen für Bands, Künstlerateliers und offenen Werkstätten. Hierfür hat der Verein ein konkretes Konzept entwickelt und ist mit verschiedenen Investoren und Firmen im Gespräch. Bis es so weit ist und der Verein möglicherweise wieder zurück auf das Gelände in Ehrenfeld zieht, ist er nach Bayenthal auf die Koblenzer Straße umgesiedelt. Seecontainer werden auch hier nicht mehr gebaut und Events finden auch nicht statt. Der Verein widmet sich seinem Kernprojekt, der Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen.

Das zweite wichtige Thema des Vereins steht nun im Vordergrund: Upcycling. „Die Leute werden nicht mehr als Handwerker oder Architekten zugewiesen, sondern als Künstlerische Mitarbeiter“, erklärt Martin. Hierfür sei der Bedarf sehr groß. Um den Verkauf ginge es aber nicht. Vielmehr um Ausstellungen und dem Zeigen. Das sei ein wichtiger Punkt des Gesamtkonzeptes, denn wenn man plant, mit einem Projekt an die Öffentlichkeit zu gehen, verliefe die Arbeit grundsätzlich anders.

Die nächsten zwei Jahre wird es wohl etwas ruhiger um die Events von Jack in the Box. Doch traurig und bitter ist die Geschichte am Ende des Tages nicht. Es bleibt die Hoffnung, dass es schon bald ein kulturelles Zentrum geben wird, das vor Vielschichtigkeit und Synergien zur so strotzt. Es wäre ein langfristiges Geschenk für Ehrenfeld und die restliche Stadt.

Eure Charlotte & Eure Beatriz