Kobum II - Der Epilog!

Text: Steffi Kutsch & Gastfotograf: Fabian Stürtz

Maike hat ihren Kampf gewonnen, nach Punkten, nach Eindruck bei den Ringrichtern, auf Grund der Abstimmung des Publikums, für sich selbst und sowieso! Herzlichen Glückwunsch, starke Frau, WE ARE CITY gratuliert dir!

Surreal war der erste Eindruck vor Ort. Überall hingen überlebensgroße Plakate von einem selbst, die mir, selbst in den noch leeren Hallen, die Wirkung und Dimension dieses einzigartigen Kobum-Events vollends klargemacht haben.

„Wie war der KOBUM Kampf-, der Veranstaltungs- und Entscheidungstag am 15. Dezember auf den wir alle hingefiebert haben aus deiner Sicht, Maike?“, will ich wissen. „Unfassbar, überragend war die Stimmung und das bereits bei Betreten der Satorysäle. Schon um 17 Uhr hatten wir uns eingefunden, bei einem öffentlichen Veranstaltungsbeginn um 20 Uhr, um Stallluft zu schnuppern. Surreal war der erste Eindruck vor Ort. Überall hingen überlebensgroße Plakate von einem selbst, die mir, selbst in den noch leeren Hallen, die Wirkung und Dimension dieses einzigartigen Kobum-Events vollends klargemacht haben.“

Geheimrezept gegen aufkommende Nervosität

In Maikes Kopf sieht es ungefähr so aus: Jetzt geht es wirklich los, dachte ich mir, der Höhepunkt, der Gipfel all meiner halbjährigen, zehrenden Vorbereitung war erreicht. Der erste Schauer jagte mir über den Rücken! Zunächst war ich komplett abgeschottet von der sich langsamen füllenden Halle mit enthusiastischen Menschen, die sich drängten. Alle hatten sie so sehr gewartet auf dieses Ereignis. Währenddessen: Ruhe bewahren war angesagt, leise und für mich las ich in einem Buch und unterhielt mich höchstens entspannt mit weiteren Teilnehmern. Das war das Geheimrezept gegen aufkommende Nervosität.

Was ein Wahnsinn, das Johlen des Publikums -des ersten Kampfes- drang bis in den Kellerraum hier unten zu mir herüber und heizte auch mich ordentlich an.

Laut Uhrzeit ging es nun schon los mit der Veranstaltung. Dann ging alles sehr schnell. Ich wechselte in den Vorbereitungsraum im Backstage und wärmte mich mit Seilchenspringen auf. Ich musste mich sputen, schließlich hatte ich bereits den zweiten Kampf des Tages zu bestreiten. Was ein Wahnsinn, das Johlen des Publikums -des ersten Kampfes- drang bis in den Kellerraum hier unten zu mir herüber und heizte auch mich ordentlich an. Einen kühlen Kopf wollte ich bewahren, die Seilchesprünge erfolgten fast nebenbei und lockerleicht.

Dann war es schließlich soweit... ein gefühltes Nichts. Mein Einzugslied läuft, ich sehe die Bühne, überschreite die Treppe und präsentiere mich der Masse. Wow, was für ein Moment! Jetzt stehe ich plötzlich im Fokus aller, stehe meinem Mann, oder, besser gesagt, bin „die Frau der Dinge“! Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Jetzt ist alles laut und brodelnd. Nur schwer verstehe ich die Zeichen des Ringrichters. Wenn ich „Fight!“ sage, kämpft ihr, meint er harsch. Dann gibt es noch ein weiteres Kommando für „in deine Ecke!“ Das war es schon. Dazwischen liegt nun meine ganze Boxwelt.

„Fight!“ heißt das Kommando, wir sind im Kampfmodus!

Ich kämpfe gegen meine geliebte Boxpartnerin Sophie, gegen die ich gerne kämpfe. Das unterscheidet einen wohl von den gewöhnlichen Profikämpfen. Wir zwei hier sind nicht nur Gegner, uns verbindet dasselbe Gemeinschaftsgefühl, die selbe entbehrungsreiche Geschichte liegt hinter uns. Aber nichts davon zählt mehr in diesem Moment: „Fight!“ heißt das Kommando, wir sind im Kampfmodus!

Ich kämpfe alle Runden schummrig und fast blind.

Ich bin hoch konzentriert, dann geschieht das Unvorhergesehene. Sophie trifft mich kurz nach Beginn exakt so, dass ich beide Kontaktlinsen verliere. Und dass, obwohl das niemals im Training jemals irgendeine Gefahr gewesen war, und das alles bei meinen -10 Dioptrien! Was jetzt? Den Kampf unterbrechen? Nicht einen Gedanken verschwendete ich an meine Notfall-Ersatzkontaktlinsen unten in der Kabine, die ich bereitgelegt hatte. Mein Adrenalin pumpt. Weiter geht es, jetzt und sofort!

Ich kämpfe alle Runden schummrig und fast blind. Ich muss demnach notgedrungen einfach auf „das sich bewegende, fleischfarbene Etwas mir gegenüber“ einschlagen. Koste es, was es wolle.

Bis mir das Atmen schwerfiel und ich hechele. Der Blick auf die überdimensionale Uhr in der Kampfarena, die selbst ich während dieser Phase und mit meinem Handicap entziffern konnte, ließ mich hoffen. Ich zählte leise runter. Denn letztlich war auch Sophie, wie ich sie bereits aus dem Training kannte und schätzte, überaus zäh. Alles in allem waren wir ebenbürtig und droschen ungebremst vier Runden lang aufeinander ein.

„Denk an die Deckung!“, hörte ich noch Wortfetzen meines Trainers Sascha an mein Ohr dringen. Das war das einzige, ich hatte einen Tunnelblick, wollte nur bestehen, zäh sein, konnte in meiner Situation überhaupt nicht einschätzen, wie es um meinen Kampf stand.

Dann war alles vorbei. „Ich hing in den Seilen!“, Sophie wohl auch. Das Publikum johlte. Ich gewann den Kampf und taumelte glücklich über die Treppe nach unten. Freunde umarmten mich, auch ganz fremde Stimmen drangen an mein Ohr: Gut gemacht, Maike, Gratulation! Wundervoll fühlte sich das an. Ich wurde Richtung Kabine geschoben, wo ich mir erst eine Dusche und später dann auch etwas gönnte, was ich mir immer geschworen hatte, nach all der entbehrungsreichen Zeit plus aufgezwungener Sportdiät als erstes zu tun, nämlich: herzhaft in einen heißgeliebten Donut zu beißen. Und das tat ich nun auch, genau jetzt!

Als ich aus der Dusche kam und auch mein erstes bisschen Adrenalin und Emotionen nach dem Kampf verarbeiten konnte, zog es mich direkt wieder zum Kampfgeschehen. Unbedingt wollte ich die weiteren Kämpfe meiner männlichen und weiblichen „Team Gelb“–Kollegen betrachten, so sehr war man sich nähergekommen und zusammengewachsen. Das zählte. Da ich einen frühen Kampf hatte, war mir das möglich. Ich fieberte den ganzen Abend wie im Rausch bei allem weiterem Erleben mit. Dabei verdrückte ich still und heimlich noch den ein oder anderen Donut am Boxrand!

WE ARE CITY bekommt jetzt noch Gänsehaut. Was für ein unbeschreibliches Hautnah-Erlebnis!

Anmerkung: Die Gedanken und Emotionen von Maike, die hier wiedergegeben sind, sind hypothetische. So oder so ähnlich muss sie sich an ihrem Entscheidungstag und bei den Kämpfen gefühlt haben. Inspiration und Basis zur Darstellung durch unsere Autorin war ein Interview mit ihr.

Eure Steffi & Euer Fabian