MADE IN COLOGNE I La Maison 76!

Text: Gina Käding / Fotos: Christian Schaffrin

Das Studium der Wirtschaftsmathematik stellt man sich im Allgemeinen ja eher als mäßig spannend und irgendwie grau vor. Dass die farbenfrohe Sung Hea mit ihrer Vorliebe für geblümte Blusen und verzierte Teetässchen tatsächlichen sieben Semester lang zwischen Mathematiknerds und Formelfreaks gesessen haben soll –­­ fast unvorstellbar! Fand sie aber irgendwann auch. „Das ganze Studium war so unglaublich weltfremd, ich habe da nie hineingefunden.“

Stattdessen tat sie, was man eben tun sollte, wenn der Kopf mal nicht weiter weiß: Auf das Herz hören. Sie brach also kurz vor dem Abschluss ab und widmete sich fortan dem Schneidern und Zeichnen im Rahmen des Studiums zur Modedesignerin.

Wenn Sung Hea eine Entscheidung trifft, dann ist sie konsequent. Das war schon damals so, als sie mit 16 Jahren ihr Heimatland Südkorea verließ und zu ihrer Tante nach Deutschland zog. Die Sprache lernte sie ganz fix und überhaupt, heimisch fühlte sie sich in Deutschland schnell. Nach Südkorea zurück? Na, vielleicht für die Rente, sagt sie augenzwinkernd. Trotzdem fliegt sie etwa alle zwei Jahre hin, um ihre Familie zu besuchen.

Nach dem Studium ging es für sie erstmal auf die Karriereleiter. Sie war im Designteam für das junge Label Review von Peek & Cloppenburg. So richtig glücklich war sie dort irgendwann aber nicht mehr und reichte im Februar letzten Jahres die Kündigung ein. Wie es weiter gehen sollte? Die Antwort fand sie in ihren mit Taschen vollgestopften Regalen, ihrer riesigen Knopfsammlung und den berstenden Kleiderständern.

„Ich wollte einfach wieder mehr mit meinen Händen arbeiten, selber nähen und basteln“, erzählt sie. Während der Ausdruck „Irgendwas mit Medien“ mittlerweile zum Epitom der gesamten Generation Y geworden ist, stand für die mittlerweile 36-Jährige fest, dass es „Irgendwas mit Vintage“ sein sollte.

Gesagt, getan: Anfang Dezember ging ihr Shop La Maison 76 online. Mittlerweile sind dort rund 80 verschiedene Produkte zu finden - der Fokus liegt auf Taschen & Kleidung, aber auch Wohnaccessoires finden hier Platz. Jedes einzelne Teil ist von Sung Hea liebevoll aufbereitet worden.

Bei manchen Stücken muss man nicht viel machen, andere Dinge wiederum bekommen einen ganz neuen Zweck.

Da wird der alte Pulli zur neuen Handtasche, ein Haufen alter Jeanshosen zu einem stylischen Wandvorhang - ihr technisches Know-How aus dem Designstudium hilt ihr sehr.

Ihr Arbeitszimmer mit den türkisen Wänden ist ihr heiliger Ort, wo sie bis zu zehn Stunden am Tag an ihren Projekten arbeitet. „Ich merke meistens gar nicht wie die Zeit vergeht.“ In ihrem Fundus befinden sich mittlerweile Stücke aus aller Welt. Wo auch immer es sie hin verschlägt, von dort bringt sie etwas mit: u.a. London, Stockholm, New York und natürlich Korea.

Must-Have beim Arbeiten: Kaffee. Natürlich Hand Drip. Mit frisch gemahlenen Bohnen. Mindestens zweimal am Tag. Der hat bei Sung Hea übrigens den gegenteiligen Effekt: „Der senkt meinen Ungeduldspegel.“

Mit leuchtenden Augen betrachtet sie eine der ersten Taschen, die sie damals einer Studentin abkaufte, die Omas Dachboden geplündert hatte. Auch ihre beeindruckende Sammlung von alten Regenschirmen kann sich sehen lassen. Fällt es ihr denn nicht schwer, die Einzelteile nach ihrer Arbeit an ihnen wieder herzugeben?

Sie muss lachen und vergräbt das Gesicht in den Händen. „Am Anfang war das so schlimm.“

Mittlerweile ist sie es gewohnt, schließlich hat sie große Pläne. Der Traum: Irgendwann einen eigenen, kleinen Laden im Belgischen Viertel. Aber Schritt für Schritt, da muss man sich manchmal bremsen, sagt Sung Hea.

Und es kommen ja auch immer wieder Lieblingsstücke nach. Regelmäßig ist sie in Köln auf Flohmärkten unterwegs, am liebsten auf dem am Wilhelmplatz in Nippes. „Da findet man noch richtig tolle Schätze.“

Natürlich müssen all die schönen Dinge vorübergehend auch verstaut werden - da kann es dann schon mal passieren, dass ein riesiger Kleiderständer im Wohnzimmer Ehemann Woong-Jae tagelang die Sicht auf den Fernseher versperrt. Müssen die koreanischen Serien, die die beiden abends gerne gemeinsam schauen, eben mal ausfallen. „Er ist meine größte Stütze“, sagt Sung Hea. „Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft, ‚La Maison‘ auf die Beine zu stellen.“

Und das wäre wirklich zu schade. Schließlich ist das Label nicht nur ein Herzensprojekt der 36- Jährigen, sondern sie will damit auch die Welt ein kleines Stückchen besser machen. „Nachhaltigkeit ist ein riesiges Thema für mich.“ Indem sie aus alten Stücken neue Schätze bastelt, verleiht sie ihnen ein längeres Leben. Sie wolle Menschen die Prozesse bewusst machen, die in der Modebranche leider heutzutage gang und gäbe sind. „Upcycling“ gegen „Fast Fashion“ sozusagen. Da kann man tatsächlich nur applaudieren.

Am Ende kommt dabei ein einzigartiger Stil heraus. Vielleicht am besten zu beschreiben mit Tante Inge meets Fashion Week. Wer hätte gedacht, dass das so gut aussehen kann? Sung Hea selbst benutzt am liebsten den Zungenbrecher „Eklektizismus“. Heißt aber im Grunde dasselbe. Für sie sind vor allem Brüche spannend. Stilmixe.

So würde ich auch den Stil hier in Köln beschreiben. Zum einen sieht man häufig den cleanen, skandinavischen Look. Und auf der anderen Seite haben wir viel Street Style. Eine alte Damenhose vielleicht, dazu ein paar Nikes. Ich mag das sehr.

Sie hat sich Köln als Stadt nie bewusst ausgesucht, eher war es umgekehrt. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie nun im Belgischen Viertel in einer traumhaft schönen Altbauwohnung, in der man sich definitiv nur wohlfühlen kann. Die Räume des Apartments sind in satten Farbtönen gestrichen. Und natürlich Flohmarktfundstücke soweit das Auge reicht.

Ihre Hausnummer ist die 76.

Dass ich den Namen „La Maison 76“ gewählt habe, soll ein Zeichen sein“, sagt Sung Hea. „Ich bin hier in Köln wirklich angekommen.

La Maison 76 I www.lamaison76.com

Eure Gina & Euer Christian