Ovids Traum – Im Garten der Wandlungen

Text: Steffi Kutsch & Fotos: Athenea Diapoulis & Simon Hariman

Theater Anu inszeniert poetische Welten im Kölner Skulpturenpark

Mit „Ovids Traum – Im Garten der Wandlungen“ hat das Theater Anu im öffentlichen Raum des Kölner Skulpturenparks eine ungewöhnliche Spielstätte für seine Tanz-Inszenierung gewählt. Zwischen dem 18. Und 28. August 2016 präsentierte das internationale Ensemble eine getanzte Traumwelt aus Licht und Schatten. Bereits bei Betreten des Parks werde ich vom Licht hunderter mit lodernden Flammen bestückter Schuhe begrüßt, die den verschiedenen Besuchergruppen den Weg zu den insgesamt sieben kleinen Aufführungs-Stationen der Naturbühne weisen und erhellen.

Von nur einer Tänzerin bzw. einem Tänzer werden dort jeweils, nachdem die Zuschauer leise flüsternd auf bereitgestellten Stühlen oder im Gras davor Platz genommen haben, Auszüge aus dem Werk „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid (Publius Ovidus Naso) tänzerisch dargestellt und schauspielerisch interpretiert. Man braucht Ovid nicht gelesen zu haben oder im Einzelnen zu kennen, um sofort in die schwach beleuchtete, geheimnisvoll mythische Tanzdarstellung hineingesogen zu werden. In der Dunkelheit verliert sich Zeit und Raum, Textfetzen und Verse der „Metamorphosen“ werfen Menschheitsfragen auf, die in Toncollagen aus Lautsprechern dringen und einen direkt treffen, gar im Herzen berühren. Das anmutige, gefühlvolle, zugleich eindringliche Spiel lässt mich hautnah miterleben, wie sich Ovids Figuren in Bäume, Vögel, Steine, Flüsse oder andere Naturelemente verwandeln. Wir begegnen mythischen Gestalten wie Orpheus und Eurydice, Phaeton oder Pygmalion, wir leiden und freuen uns mit ihnen und sehen sie, durch ihr Schicksal bestimmt, Macht gewinnen oder Zugrunde gehen. Dann werden wir selbst hineingezogen in den Bann. Eindringlich pochen Fragen in meinem Kopf:

Warum werden Ovids Helden in Naturelemente verwandelt, anstatt in bessere Menschen?
 
Einen Leitfaden seiner Schreibauffassung findet sich im Vorwort des Dichters (1.Buch, Vers 1-4):

Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist, Ihr Götter – habt ihr doch jene Verwandlungen bewirkt – beflügelt mein Beginnen und führt meine Dichtung ununterbrochen vom allerersten Ursprung der Welt bis zu meiner Zeit!
— Ovid

In Ovids Traum – Im Garten der Wandlungen treffe ich auf Rosa, die Baumfrau. Sie sieht sich verwandelt: „Du hast mich verwandelt“, sagt sie, „bist Baum geworden. So viele Äste, wo deine Arme waren. Wurzeln bis tief in den Boden. Obgleich du doch immer weit weg wolltest.“ – Jetzt soll auch Rosa sich wandeln. „Auch Baum werden?“, fragt sie sich. „Auch Wurzeln schlagen? - Nur wie, mein Geliebter? Ich warte. Warte auf dein Zeichen.“

Wie Adam und Eva gelangen wir an einer weiteren Station in den Garten Eden: „Er sei geöffnet all jenen, die bereit sind, zu essen von diesem Baum.“ – Nun gibt es aber hier der besonderen Bäume drei: „Den Baum des Lebens, den Baum der Erkenntnis und den Baum des Vergessens. Gott lächelt. Wer von seinen Früchten isst, wird alles vergessen. Für dich, Adam, und deine Frau ist der letztere bestimmt: Iss von ihm und der Fluch, der euch tausend mal tausend Jahre dauerte, er endet.“ (Eva und der Baum des Vergessens)

Beeindruckend wirkt auch Pygmalions Geschöpf (10. Buch, Pygmalion): „Schon lange hatte ich“, so sagt Pygmalion, „mit keiner Frau mehr das Lager geteilt. Zu viele Fehler der Natur sah ich in ihnen. Ich, Pygmalion, der Bildhauer. Mit glücklicher Hand aber bearbeitete ich aus schneeweißem Elfenbein eine Gestalt wie keine Frau auf Erden sie haben kann und verliebte mich in mein eigenes Geschöpf.“ – Was fragt sich aber sein Geschöpf? „Warum hast du das getan? Warum hast du mich hineingeworfen in eure Welt? Warum? Hast du mich gefragt, ob ich das will? Mich gefragt, ob ich als Mensch unter Menschen leben möchte? Ich habe nicht danach verlangt, habe nicht darum gebeten. Warum hast du das getan? Warum hast du mich gemacht?“

Mit Eurydice (10. Buch, Orpheus und Eurydice) betreten wir das Reich der Toten: „Von Ferne höre ich deinen Gesang. Orpheus. Dein trauriges Klagen gilt mir. Deiner Eurydice. Durch den Biss der Schlange finde ich frühen Tod und komme unter Charons Geleit in das Reich der Toten.“ Flehentlich mahnt Eurydice, wie einst ihren Geliebten Orpheus im Totenreich, nun uns Zuschauer: „Dreh dich nicht um!“ „Schon nahten wir dem Licht“, stellt sie fest, „da bezwang dich die Sorge und du wandtest den Blick zu mir um. - Da stand ich nun: traurig und sanft. Schon glitt ich zurück, streckte meine Arme aus, will mich ergreifen lassen, von dir, will ergreifen dich! Und doch erhasche ich nichts als flüchtige Lüfte.“

Mit Clymene erleben wir dann den Flug des Phaethon (2.Buch, Phaethon). Schon als Kind vernimmt man Phaethons Drängen und Bitten: „Oh Mutter, sage mir doch, ist jener, der den Sonnenwagen lenkt, wahrhaftig mein Vater?“ Alles gereichte ihm aber nicht, seine Sehnsucht zu stillen, Gewissheit zu haben ein Kind des Himmels zu sein. „So stieg er hinauf, bis in die Hallen des Phoebus und verlangte von diesem ein Zeichen.“ Er wagt den Flug mit den Sonnenrossen, doch ist es keinem Menschen gegeben zu bändigen der Sonnenrosse Gewalt. „Als selbst die himmlischen Hallen drohen, im Feuer zu brennen, da schießt Jupiter Blitze und beendet den Flug.“

Der Krieger Tereus heiratet Procne (6. Buch, Tereus, Procne und Philomena), die Tochter des Pandion. Doch jenem Beilager fehlt die Beschützerin der Ehe, Iuno, es fehlen die Grazien. So entwickelt sich Procnes traurige Geschichte. Zuletzt verfolgt Tereus Procne und deren Schwester Philomena mit gezücktem Schwert. Die Töchter Pandions fliehen. „Fast erreicht er sie. Da erheben sich beide – wie von Vögeln getragen. Erheben sich mit eigenen Flügeln. Es schweben hoch in die Lüfte: zwei Vögel.“

In Kokons eingewoben, erfahren wir schließlich diese Gewissheit: „Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges, alles ist im Fluss und jenes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht. Kein Ding behält seine eigene Erscheinung und die ewige schöpferische Natur lässt eine neue Gestalt aus der anderen hervorgehen, und in der ganzen Welt geht nichts zugrunde, sondern es wandelt sich und erneuert sein Gesicht. `Geboren werden` heißt beginnen, etwas Anderes zu sein als vorher und `sterben` heißt aufhören, dasselbe zu sein.“ (15. Buch, Pythagoras, Vers 178 und 252-259)

Ich bewege mich mit den anderen Zuschauer-Schatten nachdenklich schlaf-wandelnd von einer zur anderen nächsten beleuchteten Aufführungssituation. Die kleinen Publikumsgruppen an den Stationen bilden sich zufällig, je nachdem in welcher Richtung man den Park durchläuft. Zwischendurch streife ich meine Schuhe ab, spüre das kühle Gras unter meinen Füßen und bin der Natursituation von Ovids Figuren noch stärker verbunden als zuvor. Knirschend höre ich den Kies auf schmalen Wegen, ehe ich zuletzt das große Eisentor am Ende meines Besuches durchschreite, welches den Park von der Außensituation trennt. „Aufgeweckt“ durch den Straßenlärm der Riehler Straße kehre ich aus der gespielten Traumwelt zurück in die reale Kölner Wirklichkeit. Ein Stück Verwandlung bleibt bestehen.

Das Ensemble Anu tourt durch ganz Deutschland und führt seine Stücke an vielfältig ungewöhnlichen Orten, wie Parkanlagen, in Wäldern, in Tunneln, vor Industriedenkmälern etc. auf, womit sich die gewohnten Orte selbst mythisch und poetisch verwandeln. Der Garten der menschlichen Leidenschaften, der sich dann jeweils vor einem auftut, verzaubert uns hypnotisch und geheimnisvoll, sinnlich und berührend.

Der Tourplan des Theaters Anu ist im Internet abrufbar. Verpasst nicht die Gelegenheit eines Besuches. Der wirklich angemessene Preis beträgt 18€, bzw. 14 € ermäßigt. Es lohnte sich so sehr, das Spiel zu erleben, dass das WE ARE CITY-Team die empfohlene (von jedermann selbst gewählte) Besuchszeit von 90 Minuten mit Betreten im Park-Öffnungszeitraum ab 21:30 Uhr und einem Verbleib bis zum Aufführungsschluss um 24Uhr spielend und bei Weitem überschritt.

Eure Steffi, Athenea & Euer Simon