Schauspielhaus Köln: 100. Ge­burt­s­tag von Hein­rich Böll

Text: Steffi Kutsch & Fotos: David Baltzer/Schauspielhaus Köln

WE ARE CITY-Einsichten zu Bölls „Ansichten eines Clowns“ beim Besuch der gleichnamigen Inszenierung des Schauspielhauses Köln.

Köln ist stolz auf Heinrich Theodor Böll, einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, der 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Er wurde hiermit für sein literarisches Schaffen gewürdigt, welches insbesondere durch den zeitgeschichtlichen Weitblick hervorgetreten sei. Ebenfalls lobte man sein sensibles Einfühlungsvermögen einer Darstellungskunst, die sich erneuernd auf den Bereich deutscher Literatur ausgewirkt habe, heißt es dazu bei der Böll-Stiftung.

In gleichem Sinne gratuliert auch Regisseur Thomas Jonigk, der mit „Ansichten eines Clowns“ aktuell eines der bekanntesten Werke Bölls für das Schauspiel Köln inszeniert, dem prägenden Schriftsteller und unabhängigem Denker Böll, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, zur gelungenen Verbindung von Poesie und Politik.

Das WE ARE CITY-Team stürzte sich am Dienstagabend gespannt ins kulturelle Vergnügen, um Bölls „Ansichten eines Clowns“ im Schauspiel Köln, Depot 2 zu erleben.

Zeitgenössisch hatte der Roman damals bereits im Vorabdruck der Süddeutschen Zeitung heftige Diskussionen wegen seines Inhaltes ausgelöst. 1963 wurde er erstmals vollständig veröffentlicht.

„Nachgeborene werden kaum begreifen, wieso solch ein harmloses Buch seinerzeit einen solchen Wirbel hervorrufen konnte. Lernen können sie an diesem Buch, wie rasch in unseren Zeiten ein Roman zum historischen Roman wird“, heißt es kritisch angemerkt 1985 im Nachwort des Werkes durch Böll selbst. Genau das Gegenteil sei diesem Stoff, unserer Meinung nach, aber gegönnt, als schlicht in der „Schublade der Nachkriegsliteratur“ zu verstauben.

Das Werk erzählt die Geschichte des Protagonisten Hans Schnier, dessen Beziehung und Liebe zu einer Frau, dem streng katholischen Mädchen Marie Derkum, genauso wie seine Person selbst, an der wertmobilen Nachkriegsgesellschaft der 1950er und 1960er Jahre zerbricht.

Diesen Kontrast und die Kluft der unterschiedlichen Generationen und Ansichten inszeniert der Regisseur Thomas Jonigks im Kölner Schauspielhaus gekonnt, indem er den zunächst erfolgreichen Clown (offiziell „Komiker“) nachdenklich auf die Kante seines, mit knallbunter 1980er-Jahre-Bettwäsche ausgestatteten Einzelbettes setzt, welches geradezu „umzingelt“ scheint vom umgebenden bürgerlichen 50er-Jahre-Mobiliar seiner Familie.

Die Beziehung des Protagonisten zu seiner Freundin Marie ist gescheitert, er kann sie jedoch nicht loslassen. Zwanghaft wiederkehrend und alptraumartig erscheint sie ihm und auch weitere bekannte Menschen seiner Vergangenheit „real“ auf der Bühne, darunter seine geliebte Schwester Henriette, die während des Krieges als Flakhelferin gestorben war, nachdem die Mutter sie damals dorthin geschickt hatte. Hans macht das wütend, bitter und kraftlos. - Mit dem an hohen moralischen, vom Glauben völlig unabhängigen Werten ausgestatteten, jungen Mann geht es bergab. Er ergibt sich dem Alkohol und erlebt den rasanten Abstieg. Seine innere Emigration wird schließlich zur äußeren. Symbolisch wird dies bei der Inszenierung mit der Entfernung seines Bettes aus dem Interieur der Wirtschaftswunder-Familienidylle vollzogen.

Trotz aller, möglicherweise berechtigten, Kritik am unreflektierten Wertewechsel der Deutschen im Übergang vom „Dritten Reich“ zur Bundesrepublik und der mangelnden Zeit der Verarbeitung des Nationalsozialismus', die der Clown Hans Schnier, selbst am Rande der Gesellschaft stehend, im Stück übt, ist er selbst ein schwieriger Charakter: Er erscheint bei Zeiten selbstgerecht, wo er selbst Gerechtigkeit fordert. Die Widersprüche im eigenen Handeln mag er nicht sehen. Jörg Ratjen ist die ideale Besetzung der Rolle. Er zeigt den inneren und äußeren Kampf des zynischen und traurigen Clowns und weiß diesen in aller Widersprüchlichkeit mitreißend, mitfühlend und sehr energetisch darzustellen.

Die Auseinandersetzung wird und muss weitergehen, offen und traurig zugleich endet demnach die Inszenierung.

Was können wir heute von dem Clown lernen? Eine Menge!

Das Stück beschäftigte uns nachhaltig, weit über die Aufführungsdauer hinaus. Angeregt diskutierend schlendert das WE ARE CITY-Team schließlich nach dem gelungenen Abend zur Bahnhaltestelle am Wiener Platz. Auch von hier fährt eine Bahn Richtung Bonn. „Ich will nach Bonn“, ruft eines unserer WE ARE CITY-Mitglieder in die nächtliche Stille hinein, hiermit ein Zitat aus dem Stück rezitierend, „katholische Luft atmen!“ Alle müssen lachen.

Herzliche Einladung zur Bildung eigener „Ansichten“ beim Besuch kommender Vorstellungstermine:

Schauspielhaus Köln I Ansichten eines Clowns
von Heinrich Böll
Theaterfassung von Thomas Jonigk

Nächste Vorstellungen
Di 31.10.2017
, 20.00 - 21.50, Depot 2
Do 02.11.2017, 20.00 - 21.50, Depot 2
Mi 08.11.2017, 20.00 - 21.50, Depot 2

Im Kölner Museum Ludwig ist aus Anlass des 100. Geburtstages Bölls vom 1. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 eine Ausstellung mit dem Titel "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie" zu sehen. Es geht dabei um Bölls Verhältnis zur Fotografie sowohl als deren prominentes Objekt wie auch als Motiv seines Schaffens.

Anmerkung: Dieser Artikel entstand unter Nutzung von Verschriftlichungen durch Max Florian Kühlem für die RP, der Seite des Schauspiel Kölns sowie Veröffentlichungen der Heinrich Böll-Stiftung

Eure Steffi