Sonnig, tanzbar und entspannt – das war der letzte Tag der c/o pop

Text: Rebecca Luyken & Fotos: Simon Hariman

Tanzen in der Abendsonne im Odonien und großes Kopfkino beim Club-Konzert im Stadtgarten: Ein tiefenentspannter Ausklang von fünf spannenden Festival-Tagen.

Tag fünf des Festivals steht ganz im Zeichen elektronischer Musik. Auf dem Tagesprogramm kenne ich keinen einzigen Künstler – und genau das reizt mich: Ich will mich am letzten Tag der c/o pop noch mal so richtig überraschen lassen.

Gleich als ich in Nippes aus der S-Bahn steige, soll es belohnt werden, dass ich den Sonntag nicht im Pyjama, sondern im Kölner Festivalfieber verbringe: Die Sonne kommt raus! Im Odonien zeugen tiefe Pfützen noch vom Schmuddelwetter des Vormittags, aber die überspringe ich beherzt und suche mir zuerst einen Sitzplatz am Ende des Geländes, um mir einen Blick über das anwesende Zuschauervölkchen zu machen: Kleinere Grüppchen und Pärchen sitzen und stehen plaudernd beieinander und trinken Bier. Kinder spielen mit den herumstehenden Bobbycars und vereinzelt schwingen manche Besucher schon das Tanzbein zu Julian Stetter. Die Beats des Kölner DJs sind wunderbar entspannt, dazu mischt sich mal ein melodisches Trompetensolo, mal stimmungsvolles Gesumme einer Chris-Martin-ähnlichen Stimme – ein guter musikalischer „Schuhlöffel“ zum Reinkommen in diesen letzten Tag des Kölner Musikfestivals. Die Stimmung ähnelt der einer privaten Hinterhofparty, zu der sich die gesamte Nachbarschaft versammelt hat. Das i-Tüpfelchen auf dieser chilligen Grillparty-Atmosphäre ist der Foodtruck, dessen Burritos und Quesadillas auch Athenea, Simon und ich einfach nicht widerstehen können.

Langsam füllen sich das Gelände und die Tanzfläche. Die Abendsonne bekommt noch mal richtig Kraft und zaubert gleich ein sommerliches Strahlen auf die tanzenden Gesichter. Ganz ohne Anmoderation steht plötzlich ein neuer Künstler hinterm Pult: DJ Seinfeld. Sogleich werden die Bässe lauter und die Melodien gute-launiger – der DJ aus Spanien zaubert im Handumdrehen ein bisschen Ibiza-Feeling mitten in Nippes. Da fangen auch meine Knie an zu wippen. Ich sehe in viele strahlende Gesichter, selbstvergessenes Tanzen-mit-sich-selbst, herzliche Umarmungen und fröhliches Zuprosten und fühle mich hier sehr zufrieden.

Während die Gäste des Odonien weiter dem Sonnenuntergang entgegentanzen, machen wir uns auf den Weg zur nächsten Location. Der Stadtgarten ist nur einen Spaziergang entfernt. Wir schlendern durch den inneren Grüngürtel, vorbei an Joggern mit Hunden und Kinderwagen. Auf dem Rasen wird Ball gespielt und die Baumkronen rauschen friedlich in der leichten Brise des Abends. Wieder so ein Moment, in dem ich ganz begeistert davon bin, wie sehr sich diese schöne Stadt als Kulisse für ein Festival eignet: Gerade noch zwischen den rostigen Stahlskulpturen des Odonien mit einem eiskalten Bier zu elektronischer Musik getanzt und im nächsten Moment spaziert man durch einen idyllischen Park und hört nichts als Vogelzwitschern! Am Stadtgarten angekommen haben wir sogar noch Zeit für eine Berliner Weiße und eine Schale Pommes, die wir unter dem großen Baum im Biergarten verspeisen und dabei ganz in Ruhe quatschen.

Frisch gestärkt und neugierig auf den nächsten Künstler begeben wir uns in den Saal des Stadtgartens. Andere Location, ganz andere Atmosphäre: Auf der Bühne warten ein Schlagzeug, ein Keyboard-Set, eine Geige und ein Mikrofon auf „Schwarz“, eine Band aus Berlin um den Frontmann Roland Meyer de Voltaire, der manchen vielleicht noch als Frontman von „Voltaire“ bekannt sein mag. Wortlos und mit ernster Miene betreten die Musiker die Bühne und beginnen sofort zu spielen, exakt zu seinem Einsatz erscheint auch der Frontmann hinter dem Mikrofon. Seine Stimme ist glockenklar und erinnert mich ein bisschen an die von Morten Harket von A-Ha. Die Musik beginnt ruhig und sphärisch, entwickelt sich aber gleich beim zweiten Song zu einer überraschend tanzbaren Mischung aus elektronischen Klängen und orchestralem Gesang zu Geige und Klavier.

Sofort schaltet sich vor meinem inneren Auge großes Kopfkino ein: Ich sitze am Steuer eines Cabrios und fahre durch atemberaubende Landschaften, fliege über weite Gebirgsketten und sehe spektakuläre Sonnenuntergänge. Außer einem „Dankeschön“ für den Applaus spricht der Frontmann nicht mit dem Publikum, tanzt sich dafür während der Songs umso selbst mehr in Trance, was eine wunderbare Projektionsfläche für mein cineastisches Kopfkino ist. Der Pathos dieser Musik passt einfach zu bildgewaltiger Kinoästhethik und driftet zeitweise sogar etwas in den Kitsch ab (der von der guten Sorte). Die Bässe massieren dabei treffsicher mein Sehnsuchtszentrum direkt unter dem Zwerchfell. Nach einer Stunde ist die musikalische Traumreise vorbei und „Schwarz“ verlassen so unmerklich, wie sie aufgetaucht sind, die Bühne.

Im Anschluss an die Gigs des Tages klingt die diesjährige c/o pop zu verschiedenen DJ Sets und Longdrinks im „Scheuen Reh“ aus. 155 Musiker auf 33 Bühnen, so viele verschiedene Stimmungen, Genres und Locations haben uns die letzten Tage musikalisch versüßt – danke, c/o pop und bis zum nächsten Jahr!

Eure Beccy & Euer Simon


Gastautorin Rebecca Luyken stellt sich vor:

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Rebecca Luyken
Medienwissenschaftlerin und Online-Redakteurin

Von Hause aus Landkind, habe ich früher oft Detektiv gespielt und bin mit Lupe und Fernglas durch die Felder gezogen. Heute mache ich das ganze in der Stadt – und habe einen Notizblock dabei. Ich liebe es, Orte mit allen Sinnen zu entdecken und die Schätze, die ich dort finde, zu teilen. Seit fünf Jahren lebe ich in Bonn und gehe oft und gerne in Köln „fremd“. Für WE ARE CITY werde ich ab sofort aus der „Wundertüte“ Köln naschen und euch die besten Leckerbissen vorstellen.