FEATURED: Tullamore D.E.W. Poetry Slam Road Bus

Text: Lena Sommer / Fotos: Simon Hariman

Der Tag nach den ersten 24 Grad. Trübes Wetter, stumme Menschen und das Gefühl, als hätte jemand den Ton abgestellt, begleiten mich, als ich um halb sechs über die Venloer Straße fahre.

Zwei Stunden später sieht Ehrenfeld ganz anders aus. Das Wetter hat die Menschen nicht davon abgehalten den Sommer auf die Straße zu holen. Überall versammeln sie sich und begrüßen den Frühling mit einem frischen Kölsch vor einer von Ehrenfelds zahlreichen Veedelkneipen.

Auch bei Jack in the box, der ersten Haltestelle der Tullamore D.E.W. Roadshow begegnen sich bereits um 20:00 Uhr der Kunstvernarrte Familienvater und der Musikstudent von heute. Zu den vielseitigen Kulturangeboten im Rahmen des Ehrenfeld-Hopping gehören dieses Mal auch zwei Busse mit Roadshows. Einer mit Musik, der andere mit Poetry Slam.

Poetry Slam, eine recht moderne Kunstform mit dem Ursprung in Chicago, verbreitet sich seit den 90iger Jahren weltweit und erreicht immer mehr Publikum. Beim Poetry Slam versucht jeder individuell seinen Text mit performativen Elementen zu verstärken und die Bedeutung seiner Worte dem Zuschauer näher zu bringen.

Der Poetry Slam Bus ist einer der zweistöckigen City Cologne Busse, welcher üblicher Weise den Gästen aus fremden Ländern die Sehenswürdigkeiten der Stadt Köln zeigt. Heute strahlt die obere Etage rotes Licht aus und man sieht von weitem schon einen Mann mit Gitarre im vorderen Teil der oberen Etage die Menschen zum Lachen bringen. Der Bus hält vor dem Eingang des Jack in the Box.

Am Eingang reicht ein junger Mann dir einen Kopfhörer und begrüßt dich mit einem freundlichen Lächeln. Wir suchen uns Plätze im oberen Abteil. Jung und alt sitzt hier beieinander, alle mit Kopfhörern, jeder für sich isoliert lauscht gespannt.

"Party, Party...", trällert Christian Gottschalk uns ins Ohr. Mit einer Gitarre untermalt er seine Text, die von Lebens überdrüssigen Kanarienvögeln, Konservativen und der Erkenntnis, dass das Leben manchmal doch gar nicht so übel ist, erzählen. "Ein Gedanke formiert sich zum Satz", diese Zeile bleibt mir im Kopf hängen... . Ist dies nicht der Ursprung jeglicher lyrischen Kunst und Grundlage für alles, was Menschen aus Worten erschaffen?

Der Bus fährt los. Holprig zuerst, den Weg bis zur Straße. Wir schaukeln hin und her, auch der nächste Slammer wackelt auf seinem Barhocker und erzählt mit Witz, dass es ihn an seine Einreise nach Deutschland erinnern würde. Sulaiman Masomi beginnt unsere Fahrt mit einem Liebeslied. Dieses Mal ohne Musik erklärt er einer unbekannten Person mit Wortspielereien, die jeden zum Lächeln bringen, seine Liebe. Seine Zeilen wie "Wenn du da bist, macht das Paradoxe einen Sinn" beeindrucken mich mehr durch ihre Formulierungen als durch seine Betonung, welche hier und da etwas monoton gerät.

Der Bus drängelt sich durch Ehrenfelds durch Menschen beengte Straßen. Durch die Fenster sieht man die interessierten Blicke eines bunt gemischten Publikums auf den Straßen und ein Veedel, das heute gefühlt halb Köln zu Gast hat. Erster Halt, zweiter Halt. Fünf Haltestellen gibt es auf der Route der außergewöhnlichen Kulturtour.

An jedem Stop gibt es die Möglichkeit aus- oder einzusteigen. Die Menschen unter den Kopfhörern wechseln eher im Runden- als im Haltestellentakt, da jeder interessiert scheint jedem der drei Slammer ein mal zu lauschen. Die Atmosphäre ist ruhig und freundlich.

Der Dritte im Bunde ist der mir bereits bekannte Wortakrobat Florian Cieslik. Sein Text handelt von der Selbstüberschätzung der Menschen. Er verbindet die Thematik mit der griechischen Mythologie und erzählt die Geschichte, wie über Pandoras Büchse Herpes, Burnout und unangekündigte Erdkundetests in die Welt kamen: die Übel der modernen Menschheit. Wir sind frei und genießen das Leben der Stürmer und Dränger, hält er uns vor und gibt dir ein leicht ungutes Gefühl, wie du da sitzt mit all deinen Luxussorgen. Nicht nur der Inhalt seiner Worte, sondern auch ihre Verpackung ist bei Florian gekonnt eingesetzt. Worte bekommen durch seine Betonung, ihre Kombination und durch das Gefühl seiner Stimme eine ganz neue Bedeutung. Hart und prägnant, schlicht und wahrhaftig formuliert er Absatz für Absatz eine parallele Welt, in der alles auf den Kopf gestellt scheint und dir die Frage vor die Füße wirft, welche denn fragwürdiger ist.

Der zweite Text von Masomi über Sprachkultur und -kritik holt mich genau ab. Mit allen Begriffen des deutschen Grammatikurwalds schildert er eine Gerichtssitzung über den Tod des Genitivs. Die Sprache verändert sich, die deutsche Sprache wird simpler, durch Abkürzungen, Emoticons und Anglizismen. Aber im Gegensatz zu dem gewohnten Pranger an den die Sprache gestellt wird, bettet er die Veränderungen in den natürlich Lauf der Dinge ein: Sprache verändert sich, das hat sie immer und das wird sie und, dass sie simpel und stumpf wird, haben wahrscheinlich die alten Herren vor achtzig Jahren schon beklagt.

Mit den letzten Worten von der gut gekleideten Lyrik und dem wütenden Nominativ erreichen wir das Ende unserer Runde und somit wieder die Hallen von Jack in the box. Die Kopfhörer werden am Ausgang wieder abgegeben, das Publikum wechselt sich, die Show der Slammer geht weiter. 20-24 Uhr. Vier Stunden fährt der Bus im Veedel seine Runde und ist damit Teil eines großen Kultur- und Gesellschaftsabends in Ehrenfeld. Die Menschen sind draußen und unterwegs. Die Wintermüdigkeit wird durch Musik und Kunst von den Knochen geschüttelt.

Nach der Tour beginnen die Diskussionen über die erlebte Aktion. Schön, witzig, mal etwas anderes, zu kurze Texte, Wortkünstler, ... Die Meinungen der Menschen, mit denen ich mich unterhalte, sind unterschiedlich. Mir persönlich hat die Aktion gut gefallen. Alle drei Slammer geben mit ihren sehr unterschiedlichen Texten zusammen ein rundes stimmiges Bild. Alle drei Spielen mit Worten wie Kinder mit Bausteinen und bilden immer wieder neue Lyriktürme, die sie wieder einstürzen lassen, um mit den Trümmern eine Brücke zwischen Lyrik und Wahrheit zu schlagen. Der eine mit mehr Witz, der andere mit mehr Tiefgang, der eine bringt mich zum Lächeln, die Worte des anderen begleiten jetzt noch meine Gedanken.

Ich persönlich finde die Idee des Poetry Slam an sich vor allem in der Sprachkrisendiskussion sehr interessant. Ich glaube auch, dass die deutsche Sprache an Vielseitigkeit verliert und starken Veränderungen trotzen muss, und finde es schade, dass viele Jugendliche für lyrische Kunst nicht mehr viel übrig haben. Im Poetry Slam sehe ich eine Möglichkeit, wie man das Potential der deutschen Sprache wieder aufleben lassen kann und mit einer Kunstform zwischen klassischer Dichtung und der modernen Rapsszene die Jugendlichen der Zukunft wieder für lyrische Kunst begeistern kann. Unter diesem Gesichtspunkt würde ich jedem empfehlen ein mal eine Poetry Slam Roadshow oder eine ähnliche Aktion zu besuchen, um sich noch einmal zeigen zu lassen, dass Sprache an sich als Medium im Alltag oft vergessen wird und was sie als reine Kunstform ohne viele Hilfsmittel zu bieten hat.

Eure Lena Sommer & Euer Simon