Von Regentagen und dem Wunsch nach Klarheit

Text: Gina Käding / ofrootsandroads.com & Fotos: Gina Käding / ofrootsandroads.com & Klarheit

Als ich endlich dazu komme, diesen Blogbeitrag für WEARECITY zu schreiben, beschleicht mich ein schlechtes Gewissen - denn nach dem Prinzip von „Klarheit“, um das es in diesem Beitrag eigentlich gehen soll, mache ich in diesem Moment wohl alles falsch.

Was war da nur los?

Es ist Dienstagmittag. Ich sitze im Wartebereich des Kölner Bürgerbüros. Die Luft ist stickig, die Menschen sind schlecht gelaunt und ich mitten drin, abgehetzt und gestresst, weil ich wieder mal versuche, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten - und doch permanent einer auf dem Boden aufschlägt. (Rein metaphorisch gesprochen versteht sich, ich habe mir die Wartezeit vor Ort nicht mit Jonglieren vergnügt.)

Neben mir liegt eine knitterige, weiße Aufrufmarke. „A 410“ steht darauf und „Ihre Wartezeit beträgt circa 85 Minuten“. Ich, wie die meisten meiner Mitwartenden, bin genervt von diesem unfreiwilligen Ausbremsen meines Tagesgeschäfts. Eine Stunde lang zum Nichtstun verbannt. Eigentlich gewonnene Zeit, die man nutzen könnte, um den Kopf mal auszuschalten, sich konzentriert eine weiße Wand anzuschauen, durchzuatmen. Stattdessen wird mit den Fingern ungeduldig auf die Holzoberfläche der unbequemen Sitzgarnitur getrommelt und zu den Göttern der Anzeigetafel gebetet, dass doch die eigene Nummer dort alsbald erscheinen möge.

Irgendwann geht mir ein Licht auf, wie ich die gestohlene Zeit doch noch sinnvoll nutzen kann. Ich schnappe mir meinen Laptop und beginne, diesen Beitrag in die Tasten zu hämmern. Wäre doch gelacht, wenn wir dieses bisschen Leerlauf nicht durch etwas Produktives nutzen könnten ... bis mir einfällt, worum es hier eigentlich geht.

Spulen wir ein paar Tage zurück ...

„Wir müssen in der Lage sein, auch mal nichts zu tun“, sagt Klarheit-Gründer Sandro und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. Wenn er über Themen spricht wie Minimalismus und Einfachheit, beginnen seine Augen zu leuchten. Er mag das, klare Strukturen, Funktionalität und Raum. Wir beide schauen eine Weile an die weiße Wand des Cafés. „Ich finde das toll, dass man da einfach mal nichts sein lässt“, sagt er.

Wir leben in einer Welt, in der man immer und jederzeit alles haben oder sich beschäftigen kann. Dabei muss man das auch mal aushalten können, nicht auf jeden Impuls sofort reagieren.
— Sandro

Eigentlich aber sind wir gar nicht hier, um über weiße Wände zu reden. Na ja, ein bisschen gehören sie schon dazu. Sandro hat gerade eine Crowdfunding Aktion gestartet - er hat ein Tool entwickelt, das uns helfen soll, „Klarheit“ zu finden.

Wir, das sind die Mitglieder der Generation Y, die chronisch „busy“ sind, aber nichts zustande bringen. Die alle Möglichkeiten haben, aber sich dann davon erschlagen lassen. Die Entscheidungsunfreudigen, denen es eigentlich viel zu gut geht.

Das Ergebnis von Sandros Idee liegt vor uns auf dem Tisch und sieht erstmal aus wie ein typischer Kalender. Ist es aber nicht. Denn neben Daten und To-Do Listen ist in diesem Planer noch Raum für etwas anders. Für Wünsche, Träume und konkrete Zielsetzung.

Wenn du weißt, was du willst, kannst du darauf das Fundament deines Lebens bauen

Das Grundprinzip von „Klarheit“ lautet in etwa so: Wer weiß, wo er hin will, kann seine Zeit und sein Leben zielgerichtet leben. Er empfindet weniger Stress, weil er die großen Pläne in kleine verdauliche Happen aufgliedert und genau weiß, was er tun muss und was dahinter steckt. Zudem, mindestens genauso wichtig: Er weiß auch, wenn er etwas geschafft hat. Wann Raum ist zum Durchatmen und sich selbst auf die Schulter klopfen.

In dem Buch findet man Fragebögen und Mind Maps, die man ausfüllen kann. Man setzt sich täglich, monatlich, jährlich Ziele und da man sie dank Klarheit immer wieder vor Augen hat, verliert man sich nicht mehr so schnell im Detail.

Rund zwei Jahre arbeitete Sandro an dem Konzept. Die Idee kam ihm, als er nach dem Studium den ersten Job in einem Unternehmen antrat: „Da waren so viele talentierte Menschen zusammen, aber es gab wenig Struktur und wenig klare Ziele und so war zwar Potenzial da, aber es gab am Ende kaum Ergebnisse.“

Zu diesem Zeitpunkt begann er, sich für Coaching und Lebensführung zu interessieren und Bücher zu diesem Thema zu verschlingen.

Ich habe dann mit der Unterstützung der Firmenleitung begonnen, mehr und mehr solcher Prinzipien in den Firmenalltag zu integrieren - was auch sehr gut aufgenommen wurde.
— Sandro

Parallel dazu legte er, der heute als Unternehmensberater arbeitet, sich privat eine Kladde an, in der er aufbewahrte, was er gelernt hatte. Spannende Ideen, Mind Maps, Coaching Prinzipien und Zeitungsausschnitte - alle waren sie dort gesammelt.

Und dann war sie auf einmal da, die Idee für Klarheit.

Die Resonanz auf das Crowdfunding ist groß - Klarheit hat einen Nerv getroffen

„Mein Wunsch wäre es, dass die Leute es nicht nur als einen Kalender sehen. Man bekommt mehr als nur einen Planer, man bekommt ...“ Sandro macht eine kurze Pause. „ ... Klarheit eben.“

Er weiß, dass er einen Nerv getroffen hat - die Resonanz auf den Fundraiser ist deutschlandweit groß, das Fundingziel von 17.000 ist mittlerweile erreicht. Gemeinsam mit seinen Teammitgliedern Sarah und Eileen treibt er das Projekt weiter voran. Er freut sich, die Idee von Klarheit weiter zu verbreiten, weil er sieht, dass vielen Menschen ein solches Tool sehr helfen könnte.

Ein Eindruck, den auch ich habe, wann immer ich mit Freunden zusammen bin. Das will ich auch, ist fast jedes Mal der einstimmige Tenor. Vielleicht ist also wirklich was dran, an der von Journalisten so verschrienen Generation, die in einer Welt aufwächst, in der alles möglich ist, und die sich oftmals doch nur eines wünscht: Orientierung.

Das Wort „Nein“ befreit ungemein

Nach über zwei Stunden im Bürgerbüro trete ich auf die Straße hinaus, es regnet in Strömen. Ich habe keine Jacke dabei.

Zum Abschluss unseres Gespräches habe ich Sandro gefragt, womit denn jeder Einzelne von uns heute schon anfangen kann, ein bisschen mehr Klarheit zu gewinnen. Er überlegt kurz. „Ich würde auf jeden Fall damit anfangen, Dinge abzulehnen.“ Dinge lassen, um im Leben weiter zu kommen? Das klingt nach einem Oxymoron. Sandro sieht das anders: „Es gibt ein Zitat das lautet: Focussing means saying no. Wir haben heutzutage alle Möglichkeiten, aber das heißt nicht, dass wir sie auch alle wahrnehmen müssen. Wer sich im Klaren ist, wo er hin möchte, der kann durch das Nein- Sagen dafür sorgen, dass er auf der Spur bleibt - und sich zudem nicht verausgabt.“

Als mir dieser Satz einfällt, überlege ich kurz, krame in meiner Tasche nach meinem Handy und hinterlasse bei WhatsApp eine Nachricht für die PAPER Crew: Kommt ihr heute ohne mich klar? Ich stecke so tief in den Reisevorbereitungen, ich schaffe es einfach nicht. Es ist nicht einfach, sich rauszuziehen, zuzugeben, dass man gerade nicht mehr schafft - schon gar nicht, wenn man liebt, was man tut und am liebsten nichts verpassen möchte.

Aber ich fühle mich leichter danach, weil ich tief drinnen weiß, dass ich an diesem chaotischen Tag Prioritäten setzen muss. Das bedeutet es also, sich selbst zu Liebe auch mal „Nein“ zu sagen, weil man seinem Umfeld so langfristig viel mehr zu geben hat.

Ist doch klar, oder?

Wer das Crowdfunding-Projekt Klarheit unterstützen möchte, der kann bis zum 18.10.2015 auf www.startnext.com/klarheit spenden.

Eure Gina