Weitblick und Einblick I DITIB-Zentralmoschee

Text: Steffi Kutsch & Fotos: Ribanna Clemens

Weitblick und Einblick bei der Führung durch die DITIB-Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld

Wie viele Male war ich bereits an der Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld auf der Inneren oder aus Richtung Venloer Str. vorbeigefahren oder –gelaufen? So viele Male hatte ich die Zeit im Rückstau vor den Ampeln genutzt, um einen neugierigen Blick auf die Bautätigkeiten und ihr Vorankommen an der Moschee zu werfen. Mal war sie versteckt und verschalt hinter Gerüsten, ein andermal war der Blick auf die organische, mehrbögige Bauform wieder frei. Interessant war auch der Jahreswechsel, z.B. weil die Bau-Oberfläche sich je nach Sonnenstand (gelb-grau-bräunlich) farblich veränderte, und der Winter gar eine leichte Schneehaube auf das Gebäude zauberte. Umso mehr war durch den Wandel im Äußeren auch meine Neugier gestiegen, diesen, mir zunächst relativ unbekannten Religions- und Kulturkreis, kennenzulernen, von einigen Moscheebesuchen im Ausland einmal abgesehen, und dabei endlich auch das Innere der Kölner Moschee an meinem Heimatort betrachten und ergründen zu können.

Mit dem Phänomen, dass man, aus Deutschland stammend, eher schmuckvolle Moscheen, sagen wir Istanbuls, kennt, nicht aber diejenigen im Nahbereich, bin ich nicht alleine. Der Grund dazu mag sein, dass viele Moscheen in Deutschland als sogenannte „Hinterhofmoscheen“ dem öffentlichen Blick zunächst entzogen sind, weil sich die muslimischen Gemeinden, oft aus Platzmangel, in einzig verfügbare Gebäude, wie umgenutze Lagerhallen, ehemalige Autohäuser oder Industriebrachen für ihre religiös-spirituellen Zwecke zurückziehen mussten. So ist es kaum verwunderlich, dass auch die muslimische „Ehrenfelder Gemeinde“ schon seit 1984 am selben Ort wie heute existiert, nur nicht so äußerlich sichtbar für die Allgemeinbevölkerung, wie nun mit dem imposanten Bauwerk der Zentralmoschee.

Bisher hatte ich von der Moschee auch aus der Presse erfahren. Bürger diskutierten dort bereits im Vorhinein den Entwurf der Kölner Architekten Gottfried und Paul Böhm (als Teil der bekannten Architektenfamilie, die bereits zahlreiche christlich-sakrale Bauten in Köln und anderen deutschen Städten gestaltet hatte), die Höhe des geplanten Minaretts (dabei insbesondere im althergebrachten Vergleich zur Höhe der Domtürme), mögliche Baukosten oder ggf. die Belästigung durch Baulärm, die Sorge um etwaige Parkplatzkonkurrenz auf der Venloer Str. durch den erweiterten Zustrom an Moscheebesuchern u.v.m.. Im Ganzen schien man dem Bauprojekt ein wenig sorgenvoll entgegenzublicken. So ist das vielleicht bei einem Thema, was den meisten Kölnern zunächst unbekannt und fremd scheint.

Demgegenüber kann man eines zum heutigen Zeitpunkt feststellen: die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) als Dachverband und Inhaber der Kölner Zentralmoschee strahlt freundliche Offenheit und einladenden Charakter aus. Sie ist bemüht, um die Begegnung und den Kontakt der eigentlichen Moschee-Gemeinde zum Kölner Publikum in der Nachbarschaft. So wurden in der Vergangenheit mit dem „Tag der offenen Moschee“, der „Essenseinladung der Nachbarschaft zum religiösen Opferfest“ etc. bereits bewusst mehrere Begegnungs-Anlässe geschaffen.

Eine weitere Gelegenheit dieser Art bot sich mir jetzt: Die gemeinnützige Studenteninitiative Weitblick Köln e.V. hatte zu Informationszwecken und zum kulturellen Austausch eine zweistündige Führung durch Frau Ayse Aydin (Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der DITIB) organisiert. Wie groß das Interesse der Kölner an und zu Hintergründen „ihrer“ Moschee ist, konnte man alsbald erfahren. Es meldeten sich über 1.000 (!) Interessierte für die, aus organisatorischen Gründen auf nur 45 Teilnehmer begrenzten, verfügbaren Plätze, zur Veranstaltung an. Kurzerhand wurde noch eine Zusatzführung ins Leben gerufen, weitere sind künftig möglich.

Ausgangspunkt der Moschee-Führung war der Parkhauseingang, Ecke Fuchsstraße, an der westlichen Gebäudekomplexseite. Zum „hautnahen“ Kontakt mit der Moschee berührte ich die Gebäudemauern, um die porös-raue Außenstruktur des Sicht- und Ortbetons zu erfühlen, die in Holzverschalungen zuvor gestockt/veredelt worden waren, und ein Fugenraster erhielten, um optisch den Eindruck von Natursandstein zu erzeugen.

Dann ging es über ein helles Treppenhaus in den ersten Stock des Gebäudes, wo in Kürze, nach Fertigstellung, ein Informationstresen in Betrieb genommen wird, welches jeden Ankommenden empfängt, und wo man ihm bei Servicefragen behilflich sein kann. Im Hintergrund schließt sich ein großzügiger Saal an, dessen Räumlichkeit ca. 100-150 Personen Platz bieten kann, und er daher ideal für Veranstaltungen oder als Konferenzsaal genutzt und angemietet werden kann.

Nun traten wir durch eine Glastüre wieder ins Freie. Wir standen auf einem zentralen, erhöht gelegenen Platz, der von der zentralen Gebetskuppel mit Minarett in östlicher Richtung, sowie weiteren Funktionsbauten umschlossen wird, in südlicher Richtung wiederum in einer großen Freitreppe mündet, die direkten Anschluss an die Venloer Str. und somit den öffentlichen Raum hat. Die Öffnung nach außen soll jedermann dazu einladen, sich vom Straßenraum der Moschee zu nähern und ihre Gebäudeabschnitte zu betreten und zu nutzen. Den erhöht gelegenen Außenplatz ziert zudem eine Brunnenanlage, deren Wasser künftig in einen darunter liegenden „Gestaltungs“-Raum fließen wird, und in Zusammenhang mit dem einfallenden Licht, kunstvolle Lichtreflexionen als Eindruck zaubert, was lebendig und spirituell zugleich wirkt.

Auf dem Platz vor den Moschee-Gebäudetrakten wurde eine Anzeigentafel installiert, auf der die Gesamtbevölkerung über wichtige Veranstaltungstermine oder Feste informiert werden könne.

Während Frau Aydin wichtige Bau-Fakten nennt, wandert mein Blick über die Außenfassade und bleibt am halbrund-geöffneten Turm des Minaretts hängen, wobei es sich eben um ein stummes Minarett handle, wie Ayse Aydin ergänzt. Es existiert hier draußen demnach gar kein Platz für einen Muezin, der über Ehrenfeld lautstark zum Gebet rufen könnte, wie es im Vorfeld die Sorge mancher Ehrenfelder Bewohner in der Nachbarschaft war. Diese Sorge, was die Lautstärke betrifft, sei unbegründet, ergänzt Ayse Aydin, der Ruf zu Gebetszeiten sei, wie geplant, lediglich innerhalb des Gebäudes zu vernehmen.

Als sie auf die vergleichsweise geringe Höhe des Minaretts mit 55 Metern verweist, kann sie zugleich ein weiteres „Bauchschmerzen-Thema“ der Kölner entkräften, wobei die im Sichtraum, ein paar Straßen entfernt liegende, katholische Kirche in der Nachbarschaft eben bereits eine Turmhöhe von 61 Metern aufweise. Vom Kontrast zur Höhe des Domes, mit 157,38 Metern, als zweithöchstes Kirchengebäude Europas, den die Kölner stets als Vergleichspunkt heranziehen, ganz zu schweigen.

Frau Aydin klärt uns über die Funktionen der weiteren, von diesem Standort sichtbaren, Gebäudeteile der Zentralmoschee auf. Im Inneren wird es eine von jedermann zu betretende und zu nutzende Bibliothek, z.B. mit einem großen Sortiment islamisch-religiöser (z.T. auch ins Deutsche übersetzte) Schriften geben, eine Akademie, und eine große Ladenzeile als Ort der Begegnung und Kommunikation, in Ergänzung (nicht Konkurrenz) zum Angebot der Venloer Str.. Auch spezielle Serviceleistungen der DITIB sind in den Räumlichkeiten untergebracht, so z.B. die Organisation und Betreuung bei islamischen Bestattungsritualen, wie z.B. die möglicherweise gewünschte Rückführung des Leichnams an den Heimatort der Verstorbenen.

Schließlich folgten wir durch eine weitere Glastür dem Weg zurück ins Innere der Moschee, in den bis zum Abschluss der Bautätigkeiten genutzten (Übergangs-)Gebetraum, was für uns Außenstehende sicherlich einen der spannendsten Fragekomplexe innerhalb der Führung ausmachte. Schnell schlüpfte ich, wie auch die anderen Teilnehmer, aus meinen Schuhen, stellte sie in dafür vorgesehene Regale, und betrat den angenehm weichen Gebetsteppich, der noch aus Zeiten des früheren Gebetsraumes stammte, und ornamental so gestaltet ist, dass der Gesamtteppich optisch in mehrere Reihen von Einzel-Gebetsplätzen gegliedert ist, immer jedoch von einer gestalteten Basislinie ausgehend, mit „pfeilartiger“ Spitze Richtung Mekka verweisend, was, nach meiner Einschätzung, demnach grob Richtung Innerer Kanalstraße liegen dürfte. Recht erstaunlich kam mir die Tatsache vor, dass sich die zum Zeitpunkt unserer Moscheeführung still betenden Männer im Gebetssaal keinesfalls von uns gestört sahen, auch nicht von der Tatsache, dass sich in unserer Gruppe viele nicht-muslimische Frauen, auch ohne Kopftuch, mitten unter ihnen befanden, während sich der eigentliche Frauen-Gebetsraum z.B. auf einer Galerie am hinteren Raumende befindet. Umso mehr mussten sie vermutlich schmunzeln, indem wir relativ unbeholfen versuchten, den Ablauf der verschiedenen Gebets-Haltungen durch Nachahmung nachzuvollziehen, über den uns Frau Aydin im einzelnen informierte. Für Ayse Aydin war diese Tatsache gar nicht so verwunderlich, es gehöre sich nur nicht, sich vor (!) Betende in den Raum zu stellen, erklärte sie uns, um dies zu vermeiden rücke man als Muslime bei Betreten des Raumes einfach direkt nach vorne, in Richtung des Platzes des Vorbeters, um in mehreren Reihen im Schulterschluss gemeinschaftlich den Gebetsritus zu vollziehen.

Die Führung endete schließlich im größten Saal des Gebäudekomplexes, dem Kuppelbau, der an der höchsten Stelle 30 Meter Höhe umfasst. Nachdem dieser Teil, der momentan von außen noch mit zahlreichen Baugerüsten umfasst ist, da noch Arbeiten zur kompletten Durchtrocknung der Betonwände vorgenommen werden müssen, fertig gestellt wird, kann die künstlerische Innenraumgestaltung erfolgen. Zur Planung gehört beispielsweise die Farbgestaltung verschiedener Fensterfronten auf Blickhöhe, da das Spiel von Sonnen- und Schattenwirkungen im Tages- und Jahresgang konzeptuell gewünscht sei, und eine besondere ästhetische Wirkung hätte; damit aber spirituelle Einkehr und Ruhe gegeben sei, müsse die Transparenz nach außen, z.B. wegen des laufenden Verkehrs der Inneren, etwas reduziert und abgedämpft werden, was eben durch die künstlerisch nachfolgende Innenraumgestaltung auch geschehe.

Auf das Ende der Bautätigkeiten (begonnen wurde mit der Grundsteinlegung am 7. November 2009) und in Bezug auf den Zeitraum bis zur kompletten Fertigstellung angesprochen, antwortet Frau Aydin, dass dies ungefähr noch anderthalb Jahre dauern könne, dennoch abschnittsweise geschehe, und die bereits fertig gestellten Gebäudeteile längst zur Benutzung freigegeben seien, und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „wahrscheinlich aber vor (!) der Fertigstellung der Kölner Oper!“, was ebenfalls ein heiß diskutierter Bau-Schwerpunkt im Kölner Stadtgebiet ist.

Hiermit findet eine wirklich interessante Führung innerhalb der Zentralmoschee ihren Abschluss. Zurückdenkend an die über 1000 Veranstaltungs-Interessierten zur gezeigten Moscheeführung, kann ich nur ermutigen, den Raum und das Gelände der Kölner Zentralmoschee selbst für sich zu entdecken. Alle Räume sind frei zugänglich, die Geschäfte und die Freitreppe laden künftig geradezu ein zur Nutzung, Begegnung, und zum Kontakt zwischen Muslime und Nicht-Muslime. Die „Gedanken-Sperre“ des Nicht-Betretens aus vermeintlicher Rücksichtnahme o.Ä. existiert im Grunde gar nicht.

Weitere Angebote, Veranstaltungen und Informationen, z.B. auch zu künftig geplanten Moscheeführungen, können z.B. der entsprechenden DITIB-Homepage entnommen werden: www.facebook.com/zentralmoschee oder www.zentralmoschee-koeln.de

Eure Steffi & Eure Ribanna