Wildesgrün: Ein Treffen mit Kölns Superkräutern

Text: Julia Troesser & Fotos: Athenea Diapoulis

Es klingt, als sei “der Gundermann” ein alter Freund. Wenn Tine von ihm spricht, ist jedes Wort voller Wertschätzung. “Der Gundermann hilft bei Erkältungen und Entzündungen”, sagt sie dann. Oder: “Er wächst sogar unter Schnee und hält sich auch auf einem Großstadtbalkon.” Der Gundermann ist ein Wildkraut – und deshalb fällt er in Christine Knaufts Spezialgebiet: Die 30-Jährige bietet Kräuterkurse in Köln und Umgebung an. WE ARE CITY durfte sie einen Vormittag lang durchs wilde Grün begleiten.

Auf dem Hinweg macht die Anzeige des Navis skeptisch: Mitten im Poller Stadtgebiet ist das Ziel angeblich in fünf Minuten erreicht, dabei sieht es noch gar nicht nach wilder und grüner Natur aus. Doch tatsächlich: Plötzlich weist ein großes Schild den Weg zum Kölner Bio-Bauern, auf dessen Hof die heutige Tour stattfindet. Kurz darauf öffnet sich ein quietschendes Tor in eine andere Welt. “Die meisten Besucher sind völlig überrascht von dem Gelände”, erzählt uns Tine bei der Begrüßung. “Der Hof ist vielen Kölnern gar nicht bekannt, obwohl er wirklich toll ist.” Ziegen und Kaninchen schauen neugierig durch die Zäune ihrer großen Gehege, im Hintergrund gackern Hühner, auf einem großen Holztisch mit Blick auf Gewächshäuser und Felder hat Tine den Willkommens-Drink für uns vorbereitet: Selbstgemachtes Kräuter-Wasser – was sonst.

“Mittlerweile wird ‘Infused Water’ überall verkauft, als wäre es eine neue Erfindung”, sagt Tine lachend. “Dabei werden solche Getränke schon seit Jahrhunderten angerührt.” Doch eine so ausgefallene Kreation wie hier gibt es in den hippen Cafés von Ehrenfeld und Belgischem Viertel wohl selten: Hibiskusblüten schwimmen auf dem Wasser, außerdem hat Tine viele Gartenkräuter hinein gemischt – hier lernen wir zum ersten Mal den Gundermann kennen. Erstes Fazit: Sieht super aus und schmeckt auch so. Vielleicht verfallen wir an diesem Tag wirklich den wilden Kräutern... Tine hat die Liebe zu ihnen schon als Teenager entdeckt. Trotzdem entschied sie sich zuerst für einen klassischen Berufsweg und ergriff einen Bürojob im kaufmännischen Bereich. “Aber das war einfach nicht das Richtige”, erzählt sie.

Dann fiel mir ein: Eigentlich wollte ich doch früher immer Gärtnerin werden… .
— Christine Knauft

Gärtnerin wurde die gebürtige Kölnerin nicht, dafür aber: Fachfrau für Bio-Gourmet-Ernährung und zertifizierte Kräuterpädagogin. Um ihr Wissen zu teilen, hat sie das Projekt “Wildesgrün” gestartet, in dem sie unter anderem Rundgänge wie diesen hier veranstaltet. 13 potenzielle Kräuterfreunde sind an dem sommerlichen Sonntag auf den Bio-Bauernhof gekommen und hören jetzt aufmerksam zu: “Das Wichtigste am Sammeln ist, dass man die Kräuter sicher erkennt”, erklärt uns Tine.

Man muss dafür alle Sinne nutzen und zwar in der richtigen Reihenfolge: Erst gucken, dann fühlen, dann schmecken.
— Christine Knauft

Damit wir lernen, die richtigen Kräuter zu finden und sie von giftigen zu unterscheiden, ziehen wir gemeinsam übers Hof-Gelände. Tine trägt einen geflochtenen Korb unterm Arm, läuft leichtfüßig über die Felder und beweist, dass sie hier wirklich ihre Leidenschaft auslebt: Sie zeigt uns, wie man eine Melde erkennt. Sie lässt uns Sauerklee probieren. Sie erzählt, dass Franzosenkraut besonders viel Eisen und Vitamin C enthält. Wir machen Fotos mit dem Handy, schreiben Erkennungsmerkmale auf, zupfen Blätter ab, beißen auf Stängel – und begegnen immer wieder dem Gundermann, der fast überall zu wachsen scheint. Die meisten Kräuter haben wir noch nie bewusst gesehen und erst recht nicht gegessen. Kein Wunder, denn “das, was ihr hier seht, könnt ihr eigentlich nirgendwo kaufen”, sagt Tine. “Und das Beste daran: Wildkräuter sind alle umsonst.”

Melden

Sauerklee

Franzosenkraut

Wilde Möhre

Ganz anders als abgepackte Kräuter im Supermarkt oder teure Samen, die als Superfood in unseren Einkaufswagen landen. “Brennnessel-Samen sind das deutsche Pendant zu Chia-Samen”, sagt Tine. “Sie sind supergesund, haben viele ungesättigte Fettsäuren und wahnsinnig viele Nährstoffe. Und ihr könnt sie einfach selbst pflücken.” Überzeugt. Also gehören auch Brennnessel-Samen in die kleinen Papiertütchen, die Tine in ihrem Korb mitgebracht hat, damit wir Kräuter für Zuhause sammeln können. Mein guter Vorsatz: Brennnessel-Samen rösten, in einem Glas aufbewahren und von nun an über Smoothies und Müslis streuen.

Brennnessel

Gundermann

Dost

Giersch

Wie gut Produkte aus den wilden Kräutern schmecken, das erfahren wir am Ende der Tour. Tine hat ein kleines Buffet aus eingelegtem Gemüse, selbstgebackenem Brot und veganer Mayo aufgebaut – natürlich mit selbstgepflückten Zutaten hergestellt. So lecker und gesund das alles ist und so motiviert wir sind, ganz viele Rezepte zu testen: Als Anfänger sollten wir mit dem Kräuterkonsum nicht übertreiben. “Man kann davon Kopfschmerzen bekommen, ähnlich wie beim Fasten, wenn die Entgiftung einsetzt”, erklärt Tine. “Die meisten Körper müssen sich erst an die vielen Nährstoffe gewöhnen.” Also lasse ich es langsam angehen – auch wenn es schwerfällt, nicht am gleichen Tag die ganzen Sauerklee-Vorräte zu vernichten. Denn das Zeug ist wirklich lecker.

Wer sich selbst davon überzeugen will: Tine bietet regelmäßig “Wildesgrün”-Rundgänge, Kräuterwerkstätten oder Kochkurse an und entführt euch damit in eine Welt, die wir mitten in Köln nicht für möglich gehalten hätten. Fazit: Lohnt sich, macht Spaß, schmeckt super – und tut uns Stadtkindern mal richtig gut.  

Wildesgrün
Die nächste Wildkräuterwanderung findet am 11.08.2017 um 16.00 Uhr im Schloss Türnich, Kerpen statt. Wer im September Lust hat auf eine besondere Wildkräuterwerkstatt (es wird am Feuer gekocht!), sollte am 16.09.2017 nach Leverkusen zum Haus Nussgarten kommen.

Eure Julia & Athenea