Das Ohr: Der neue Lieblingso(h)rt der Südstadt

Text: Vanessa Schaefer & Bilder: David Heyer

Die eigene kleine Blase – gemütlich ist sie ja schon! Viel zu oft widmen wir uns denselben Beschäftigungen, viel zu oft umgeben wir uns mit den gleichen Meinungen. Und sind wir mal ehrlich: aus unseren Komfortzonen schlüpfen wir nur selten und ungern heraus! Doch wie verhält man sich, wenn man plötzlich im engeren Bekanntenkreis mit anderen Ansichten konfrontiert wird? Sollte man die Person ignorieren? Demokratie sollte doch heißen, dass man über den eigenen Tellerrand schaut und auch mal etwas an sich selbst verändert – oder etwa nicht? So sieht es das Team von Köln spricht, die in Kooperation mit freiberuflichen Musiklehrenden den allgegenwärtigen Komfortzonen den Kampf angesagt haben. Dafür haben sie einen Verein ins Leben gerufen und einen Ort geschaffen, der als Das Ohr nicht nur der Kölner Südstadt als öffentliches Wohnzimmer dient. Was das Konzept von Köln spricht ist und inwieweit Das Ohr einen Austausch auf mehreren Ebenen fördert, haben wir im Gespräch mit Sarah - Vereinsmitglied bei Sprich e.V. - und Kilian - selbstständiger Musiker - erfahren.

Miteinander sprechen statt übereinander

Vintage-Möbel, eine große Schaufensterfront und der Charme einer handwerklichen Eigenleistung – Das Ohr wirkt einladend, modern und trotzdem nicht zu durchgestylt. Man sieht, dass mehrere Hände angepackt haben, um den einstigen Friseursalon in ein multifunktionales Wohnzimmer zu verwandeln. Gut, die Trockenhaube durfte bleiben – allein schon, weil sie an das ehemalige Album-Cover von “Ahl Männer, aalglatt” von BAP erinnert, die damals im väterlichen Salon ihre ersten Proben abhielten. Während uns Kilian kurz über die Musikgeschichte des Raumes aufklärt, machen wir es uns zwischen Instrumenten und Plakaten gemütlich.

Alles begann im April 2016, erzählt uns Sarah, die seit zwei Jahren Vereinsmitglied bei Sprich e.V. ist. Gründer Fabio lud über Facebook zur demokratischen Speakers’ Corner – ein offenes Diskutieren über politische und gesellschaftliche Fragen. Es kamen mehr als 500 Leute, die dem persönlichen Impuls von Fabio lauschen und sich an der Diskussion beteiligen wollten. „Aktiv werden“ – das war damals und ist immer noch das Ziel von Köln spricht.

Die Idee von ‘Köln spricht’ war einen Raum zu schaffen für mehrere Meinungen und mehrere Personen, die sich so nicht begegnen würden. Man sollte anfangen miteinander zu sprechen statt übereinander.
— Sarah

Mittlerweile stehen nicht mehr die Redner, sondern das Publikum im Mittelpunkt, das sich das Mikro schnappt, miteinander argumentiert oder von persönlichen Schicksalen berichtet. Voraussetzung ist, dass eine entwaffnete Atmosphäre herrscht, ohne Diskriminierung und Monokausalität.

Gutes Argumentieren – wie soll das gehen, wenn ich immer nur mit Personen rede, die meiner Meinung sind?
— Sarah

Die Möglichkeit dazu hat man jeden ersten Sonntag im Monat, wenn themenspezifische Veranstaltungen samt Speaker und Moderatoren im Ohr stattfinden. Ob Fragestellungen zum Datenschutz oder Themenabende zur Depression – die Nachfrage und das Interesse an den Events ist so groß, dass es mittlerweile entsprechende Pendants in Düsseldorf, Wuppertal, Bonn und Berlin gibt. Einzigartig ist dagegen Das Ohr als mietbarer Veranstaltungsraum, öffentlicher Coworking Space und Musikschule.

Gemeinsames Musizieren als funktionierende Kommunikation

Mein Ziel ist es, Menschen Musik nahezubringen. Ich will keinen hohen Lerndruck oder die gängige Elitenförderung. Räume zu schaffen, wo auch Berufstätige abends im Ensemble Musikunterricht nehmen können.
— Kilian

Sechs Musiker und Musikerinnen bieten Unterricht in Einzel- und Gruppenstunden an. Dieser soll nicht als mühselige Unterweisung, sondern als geselliger und wohltuender Musikmoment erfahren werden. Von den klassischen Band-Instrumenten über Jazz und klassischen Gesang bis hin zu Querflöte und Saxophon – anmelden kann man sich ganz einfach per Mail über das-ohr.koeln.

Den Schwerpunkt legt die Musikschule im Das Ohr auf ein nicht-elitäres Umfeld und auf aktive Mitgestaltung. Das ist auch Kilians Prämisse, der sowohl selbstständiger Musiker als auch Mitglied bei Köln spricht ist.

Als Angestellter in einer Musikschule kann man nicht mitgestalten. Ich will Menschen nicht sagen, was sie tun sollen. Ich möchte, dass Mitmenschen gemeinsam erarbeiten, was wir machen.“
— Kilian

Gemeinsames Musizieren als funktionierende Kommunikation. Ein kleiner Schubser in die richtige Richtung. Das Ohr motiviert dazu, seinen eingefahrenen Alltag zu verändern und sich auszuprobieren.

Wir wollen Menschen zusammenbringen und einen Austausch ermöglichen – das ist das oberste Ziel von Musik und das oberste Ziel von Köln spricht.
— Kilian

Finden wir gut und verstehen schnell, warum dieser Raum Lieblingso(h)rt-Potenzial hat.

Programm
Themenevent an jedem ersten Sonntag im Monat
Offene Teamtreffen am Dienstagabend
15.03. Tag der offenen Tür der Musikschule im “Das Ohr”

Eure Vanessa und Euer David

Das Ohr
Köln Spricht