Nima Bazrafkan: Jeder Kölner könnte eine Theaterfigur sein

Text: Lara Kersken & Gastfotografin: Julia Breuer

Als wir Nima Bazrafkan kennenlernen, steht er für das monatliche „Live im 25“-Event im 25-Hours Hotel auf der Bühne. Als wir Nima an einem Dezemberabend im Eigelstein wiedertreffen, haben wir eine Theaterbühne ganz für uns. In der Kulisse des Weihnachtsstückes vom Horizont Theater lernen wir in intimer Atmosphäre Nimas Welt kennen: Spot on!

Dass Nima sich in dieser Umgebung – auch ohne Publikum – gleich zuhause fühlt, ist nicht zu übersehen. Auch wenn der Weg hierhin nicht ganz einfach war. Nach seinem Bachelor Abschluss in Spanisch und Geschichte in Münster arbeitete er kurze Zeit als Lehrer – um festzustellen, dass er auf die Bühne will. Mit 27 entscheidet er sich, sein Hobby, die Schauspielerei zum Beruf zu machen. Eine Entscheidung, die ihn noch heute unübersehbar glücklich macht. Wenn er nächstes Jahr seinen Schauspielabschluss macht, wird er 31 sein. Ein Alter, das in unserer heutigen „Ich-will-mich-noch nicht-festlegen“ und „Alles ist noch möglich“-Gesellschaft durchaus noch jung ist – anders jedoch in der Schauspiel-Welt. Besonders an den staatlichen Schauspielschulen wird rigoros aussortiert. Nicht selten – so erzählt uns Nima – ist jemand mit 19 zu unreif und mit 21 zu verbraucht.
Unter den strikten Ausschlusskriterien bei Vorsprechen – von den immer noch überwiegend männlichen Regisseuren – haben vor allem junge Frauen zu leiden. Kein unbekannter Umstand in Zeiten von #metoo.

Das Theater muss aus seiner Komfortzone herauskommen.
— Nima Bazrafkan

Keine Frage – Nima sagt seine Meinung. Er wünscht sich mehr Diversität und Gleichberechtigung für jegliche Minderheiten. Nicht wenige Rollen in der deutschen Theaterszene sind für ihn mit seinen iranischen Wurzeln schier unmöglich zu bekommen. Eine Hürde aber kein Hindernis: 2017 ruft er „Nima nimmt mit“ ins Leben. Eine Veranstaltung, die jungen Schauspieltalenten aus dem Rheinland die Möglichkeit und Bühne gibt, ihre frei gewählten Monologe vor Publikum vorzutragen. Eine ungewohnte Art des Schauspiels, denn Monologe vortragen gibt es sonst eigentlich nur bei Castings und Vorsprechen. Das Format kommt beim Publikum gut an – nicht zuletzt durch den Überraschungseffekt und den direkten, engen Kontakt zum Publikum, wodurch das „Sich-an-das-Publikum-verschenken“ – so nennt es Nima, wenn er dem Zuschauer etwas mitgeben kann – besonders gut klappt.

Jeder trägt eine Maske und gerade in Köln könnte jeder Mensch eine Theaterfigur sein
— Nima Bazrafkan

Inspiration für seine Rollen zieht Nima aus dem Kölner Alltag: in der Bahn, auf der Straße, überall. Sind wir also alle auf unsere eigene Art – mal mehr und mal weniger bewusst – Schauspieler? Nima nickt: „Jeder trägt eine Maske und gerade in Köln könnte jeder Mensch eine Theaterfigur sein“. Kein Wunder, dass wir im Karneval feiern also so gut sind. Sich in jemand anderes zu verwandeln ist eine Kunst, die Umsetzung verlangt Können und Talent: Handwerk vermischt sich mit Kunst. Und obwohl Nima mit der Schauspielerei nicht nur einen Beruf, sondern auch seine Berufung gefunden hat, betont er, dass es auch Tage gibt – stundenlange Proben zum Beispiel – wo seine Arbeit nicht nur Spaß macht.

Nie spielen gibt es nicht.
— Nima Bazrafkan

Und wenn er frei hat? Dann ist er in seinem Lieblingsveedel in Kalk oder in Mühlheim anzutreffen. Hier ist Nima aufgewachsen und hier fühlt er sich in der ständigen Multikulti-Atmosphäte am wohlsten. Denn auch das Gegenteil von Multikulti hat Nima schon erlebt. In Hannover wurde er als Jugendlicher von einer Gruppe Nazis zusammengeschlagen. Die Täter wurden gefasst und verurteilt. Dieses einschneidende Erlebnis hat nicht nur sein Gerechtigkeitsempfinden geschärft, sondern ihn auch gelehrt „hinter die Maske, die jemand trägt, zu blicken“.

Für uns lässt Nima in dem offenen Gespräch über Theater, Mut, Rassismus und Diversität nicht nur seine Maske fallen, sondern zeigt uns auch welche Gesichter und Emotionen er auf Knopfdruck haben kann.

Wer Nima einmal live auf der Bühne sehen und beobachten möchte, wie und was er an das Publikum verschenkt, hat dazu im Comedia Theater Gelegenheit. Hier ist er bis zum 24.05. in dem Stück Heldenzentrale zu sehen.

Eure Lara & Julia

Horizont Theater