Cat Ballou: "Der Sound wird sich ein bisschen verändern"

Die Kölner Band Cat Ballou im Interview

Text: Charlotte Ebert & Gastfotograf: Fabian Stürtz

Der 24. April ist ein warmer Frühlingstag. Man kann im T-Shirt herumlaufen und die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Irgendwo im Norden Kölns, wo man aufs Wasser schauen kann und Radfahrer das Grün genießen, probt die Kölner Band Cat Ballou für ihr neues Album. Es erscheint am 20. September, am gleichen Tag ist auch das Release-Konzert im E-Werk. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Doch nicht nur, dass die Band dieses Jahr ihr viertes Studioalbum veröffentlicht. Nachdem der Vertrag bei Pavement Records im vergangenen Jahr ausgelaufen war, gründete die Band ihr eigenes Label: MIAO Records. Nun sind Oliver Niesen, Dominik Schönenborn, Kevin Wittwer und Hannes Feder nicht nur Freunde und Bandkollegen. Sondern auch Geschäftspartner.

Vier vergnügliche Musiker nahmen sich zwischen Auftritt, Studioaufnahme für das neue Album und Bandprobe Zeit, um zu erzählen: Von dem Prozess der Labelgründung, was man von ihrem neuen Album erwarten kann und wie es sich anfühlt als Jugendlicher mit Akkordeon im Jugendzentrum gegen Metal Bands anspielen zu müssen.

Die Kölner Band Cat Ballou gibt es seit fast 20 Jahren

Wie kam die Idee mit dem eigenen Label?
Dominik: Wir hatten den Wunsch, in unserer Musik und in unseren Entscheidungen freier zu sein. Der Musikmarkt hat sich verlagert, gerade in Zeiten von Streaming Diensten. Wir wollen die Musik noch zugänglicher machen und mehr entscheiden können, wo wir unser Geld reinstecken.

Daraus ergeben sich bestimmt auch neue Aufgaben?
Oli:
Mehr Freiheit heißt natürlich auch mehr Verantwortung. Vertrieb, Veröffentlichung, alles sollte in unserer Hand liegen. In dem Moment, wo man sich entscheidet, ein eigenes Label zu gründen, ergeben sich durch die neue Aufgaben auch wieder mehr Kreativität. Das schafft einen frischen Kopf. Egal, ob wir jetzt über die Musik oder die Vermarktung sprechen, da stecken kreative Schritte hinter.
Dominik: In dem alten Vertrag haben wir uns vorher genauso viele Gedanken gemacht, was wir wie machen möchten. Allerdings fehlte uns die Selbstbestimmung, ob sich eine Investition lohnt oder nicht. Und genau diese Entscheidung soll in unserem Betracht stehen. Wir möchten niemandem erklären müssen, warum eine Entscheidung sich für uns als Band lohnt - auch wenn es der Marke Cat Ballou nichts bringen mag. Eine Investition kann auch dann viel Wert sein, wenn wir als Band davon profitieren. Und das war für uns auch in der Vergangenheit ein unangenehmer Punkt. Wir wollen nicht nur aufs Geld schielen, sondern vor allem freier entscheiden können. So haben wir es ja auch kennengelernt. Die Band gibt es seit fast 20 Jahren, bevor wir einen Plattenvertrag hatten, haben wir ja auch viel gemacht und von anderen gelernt. Diese Entscheidungsfreiheit kommt jetzt zurück, back to the roots. Das ist an diesem Punkt jetzt auch total cool.

Wir entscheiden viel aus dem Bauch heraus und das Thema Label war jetzt nichts, was wir schnell entschieden haben.

Gab's denn auch mal einen Moment wo ihr dachtet, ‘Scheiß Idee mit dem eigenen Label’?
Oli:
Immer wieder! Wir entscheiden viel aus dem Bauch heraus und das Thema Label war jetzt nichts, was wir schnell entschieden haben. In den letzten Jahren hat sich nur immer wieder bestätigt, dass das jetzt der nächste Schritt sein muss. Ein bisschen Zweifel lässt einen ja auch immer noch ein Stückchen mehr an der Sache arbeiten. Aber wir stehen voll und ganz hinter der Entscheidung, die wir getroffen haben.
Dominik: Oft ist es ein Plan, den wir schon lange haben und irgendwann merkt man, wann es an der Zeit ist, da was zu ändern. Und jetzt war der Zeitpunkt, jetzt haben wir die Möglichkeiten.
Oli: Aber lass noch mal eine Nacht drüber schlafen. Dann entscheiden wir.

Wie entscheidet ihr als Band, ob sich etwas lohnt? Und wie findet ihr Kompromisse?
Kevin:
Eigentlich sprechen wir alle die gleiche Sprache. Manchmal diskutieren wir auch, dann wird es etwas stressiger. Wir quatschen viel und ausgiebig über alles. Wenn jemand einen anderen Ansatz hat, bringt das vielleicht neue Ideen. Letztendlich kommen wir immer auf denselben Punkt.

Verschiedene Ansätze und Meinungen sorgen wiederum für Überraschungen.

Ihr kennt euch ja schon sehr lange. Wie überrascht ihr euch mit neuen Impulsen?
Dominik:
Gerade was die Musik angeht, schreiben wir viel. Es gibt auch Zeiten in denen man nicht mega kreativ ist. Dann zeigt man das den anderen und das beflügelt dann auch irgendwie wieder. Oft sind es auch die B Nummern, die total viel entfachen, eine kleine Lawine auslösen und ein neuer Spirit entsteht.
Oli: Jede neue Aufgabe überrascht einen immer wieder und damit geht auch jeder anders um. Verschiedene Ansätze und Meinungen sorgen wiederum für Überraschungen.

Worauf kann man sich als Cat Ballou Fan beim nächsten Album freuen?
Oli:
Ich glaube, das wird ein cooles Album. Der Sound wird sich ein bisschen verändern, wir haben auch einen anderen Produzenten und man wird von Jahr zu Jahr etwas reifer. Wir behandeln andere Themen, das wird überraschen. Wir werden schon so klingen, wie wir klingen. Aber jemand, der sich viel mit uns beschäftigt, der wird Änderungen feststellen. Aber das sind Änderungen, bei denen wir ein gutes Gefühl haben und hoffen, dass das positiv angenommen werden.
Dominik: Es wird auch einen neuen Einfluss geben. Unser neuer Produzent hat zum Beispiel die gleichen Lieblingsbands wie wir, da sind wir als Musiker und Produzent auf einer Wellenlänge was die Soundvorstellung angeht. Ich glaube, im Großen und Ganzen wird es frischer und moderner klingen.

Heißt das, dass ihr mehr Leute außerhalb von Köln erreichen wollt?
Oli: Wir haben keine Strategie. Der neue Sound entsteht, weil wir uns selber verändern, Älter werden zum Beispiel. Wir machen das nicht, um irgendwelche Hebel zu bedienen, die zu einem Konzept gehören. Es ist ein stetiger Prozess, dass sich der Sound irgendwann auch verändert.
Dominik: Unsere Alben zeigen auch immer ein bisschen, in welcher Lebensphase wir gerade stecken. Bei 'Lokalpatriot' hatten wir uns sehr gefunden. Wir wollten ein sehr kölsches Album herausbringen mit regionalen Themen, weil wir uns als Menschen in der Stadt sehr gefunden hatten. “Mir jetzt he”, da ging es noch mal sehr aufs Zurückbesinnen, auf das, was hinter uns lag. Und mit dem neuen Album sind es wieder Themen, die uns zuletzt sehr beschäftigt haben. Anfangs hatten wir zwanzig Lieder, später haben wir uns auf zwölf konzentriert und intensiv an diesen gearbeitet.
Oli: Es gibt bereits einen Arbeitstitel, den wir aber noch nicht verraten wollen. Das Gesamtbild vom Album ist noch im Entstehungsprozess. Erst mal geht es um den Sound, danach kommt die Frage: Was sagt das Album insgesamt aus?

Was passiert mit den Liedern, die es nicht aufs Album schaffen?
Dominik:
Die wandern wieder in die Schublade und warten darauf, dass sie irgendwann noch mal rausgeholt werden. Manche Lieder müssen noch reifen. 'Tanzroboter' ist zum Beispiel so eine Nummer, da hat es zehn Jahre gedauert, bis das Lied fertig war.

Wie erreicht ihr am Liebsten eure Fans?
Oli:
Live! Im Proberaum zu sitzen ist cool für uns als Musiker, da entwickeln wir Ideen und das macht mega viel Spaß. Aber der Moment, wo man ein Lied auf der Bühne dem Publikum vorträgt und eine direkte Rückmeldung bekommt, ist noch viel besser.
Dominik: Manchmal denkt man, ‘Ach, der Song wird ne A Nummer’, dann spielt man den Live und stellt fest an welchen Stellen der Song eine Schwachstelle hat, wo man beispielsweise das Publikum verliert. Manches kann musikalisch toll ausgefuchst sein, aber es funktioniert auf der Bühne nicht. Dafür braucht man die Rückmeldung.
Oli: Und wenn man danach kurz mit den Menschen redet, da kriegt man auch noch mal eine Rückmeldung. Klar, bei einer CD sieht man Verkaufszahlen und bei Youtube die Klickzahlen. Aber es ist eine nicht greifbare Distanz da. Der Applaus oder auch Fragezeichen in den Gesichtern vom Publikum, das ist eine direkte Rückmeldung, die macht mir am meisten Spaß. Die Momente in denen man live spielt, auf die kommt es als Musiker an.

Ist es egal, wie groß das Publikum ist?
Dominik: Je größer die Zahl, desto unübersichtlicher wird es. Je kleiner das Publikum desto schneller sieht man eine Rückmeldung. Vor einem kleinen Publikum zu spielen, kann manchmal viel schwieriger sein, weil du siehst, wie sie reagieren. Das kann einen verunsichern.
Oli: Eigentlich kann man sagen, je weniger Leute, desto aufregender wird es. Stell dir mal vor, du müsstest vor einer Person vorspielen, das ist ja noch schlimmer. In dem Moment, wo es zehn Leute sind, ist es auch schon schwer. Ich hab dem ein oder anderen auch schon mal was vorgespielt, aber dann gucke ich nur auf den Boden. Wir spielen zweimal im jahr im E-Werk, das ist unser Jahreskonzert. Wir könnten daraus ein Konzert machen, in einer größeren Location. Aber ins E-werk passen 2.000 Leute, danach wird es schwammig. Alles Größere finde ich selber als Konzertgänger auch nicht so schön. Bei unseren Unplugged Konzerten sind circa 400 Leute, da ist eine ganz andere Dynamik. Es ist ein Geben und Nehmen, da gibt man dem Publikum etwas und sie geben einem gute Stimmung zurück, das gibt uns wieder Bock. Bis am Ende hoffentlich alle Kopf stehen. Je größer die Zahl, desto eher fragt man sich, ob hinten die Stimmung genauso gut ist wie vorne.
Kevin: Ich finde, wenn es nur Vertraute und Bekannte sind, ist es schwierig.
Dominik: Das beste Beispiel ist eigentlich, wenn du deiner Freundin oder deinen Eltern eine Nummer vorspielst, die runzeln mit der Stirn und du denkst dir ‘ach verdammt, hätteste am besten nicht gemacht.’ Es war früher schon unangenehm, vorzuspielen.

Wo wärd ihr denn als Künstler ohne die anderen?
Domi: Ich wäre Lehrer.
Kevin: Ich wär in meinem Job als gelernter Veranstaltungstechniker. Das hab ich aber nur gemacht, weil ich sehr musikinteressiert bin und das für mich das nächste war. Man arbeitet mit Künstlern zusammen, hat Zugang zu der ganzen Technik. Ohne die Jungs würde ich mich gar nicht Musiker nennen.
Oli: In dem Moment wo wir angefangen haben, Musik zu lernen, gab es eigentlich schon die Band.
Hannes: Ich war vorher schon Musiker und habe damit meine Brötchen verdient. Von daher wäre ich das jetzt wahrscheinlich auch.
Oli: Ich wäre solo unterwegs, ganz klar! Alleine mit Bongos auf der Bühne.
Kevin: Und DJ
Oli: Ja, das Bongo-DJ Duo.
Kevin: Der Oli hat sich in den letzten Jahren aber auch erst als Frontman entwickelt.
Oli: Vorher war das viel auf den Boden gucken.
Kevin: Also ganz früher, als wir noch bei deinen Eltern im Keller geprobt haben, wolltest du nie singen.
Oli: Das hat sich ergeben, weil ich die ersten Lieder geschrieben habe. Dann musste ich die vorsingen und es war dann irgendwie so. Ganz früher haben wir alle zusammen gesungen.
Dominik: Viele Sachen haben sich so ergeben. Auch, dass wir jetzt davon leben können, das war nie unser Plan. Das war immer unser Traum, deshalb haben wir mega viel dafür getan und gearbeitet. Letzten Endes war es auch ein bisschen Glück, dass wir in Jugendkulturzentren viel gegen Metal Bands gespielt haben und uns mit Ausdauer gegen die durchsetzen mussten. Wenn wir angefangen haben, mit Akkordeon und Keyboard den Soundcheck zu machen, dann kamen da oft Rufe wie ‘Spiel mal Final Countdown’ und so Sachen. Uns blieb nichts anderes übrig, als Gas zu geben und abzureißen. Und das kam selbst bei den Metal Leuten gut an. Irgendwann haben wir verstanden, dass wir keine besondere Zielgruppe haben, sondern alles bespielen wollen.
Oli: Und auch keine wollen. Im Stil wollten wir uns nicht so richtig festlegen, weil jeder Stil schöne Elemente hat und das ist auch eigentlich immer noch so. Wir beschreiben uns schon als Rock-Pop Band, aber ich glaube auch, dass da immer ganz viele Einflüsse von außen zu hören sind.
Kevin: Uns war es auch immer wichtig, dass die Leute mitmachen: Tanzen, feiern und singen. Wir sind keine verkappten Virtuosen am Instrument. Das Gesamtding soll den Leuten gefallen. Es hat uns schon immer viel Spaß gemacht, wenn die Leute drauf eingegangen sind. Das war für uns immer der größte Lohn. Es ging nie um viel Trinken und cool an der Gitarre aussehen, sondern darum, den Leuten Spaß zu vermitteln.
Dominik: Selbst wenn wir es uns offenhalten und alle Elementen bedienen, bleibt es halt immer Cat Ballou. Wenn wir Jazz oder Metal spielen würden, würde das nie danach klingen, es wäre immer unser eigener Sound.
Hannes: Als Frischling sieht man schon, dass es hier ein eigener Kosmos ist. Das finde ich aber ganz toll. Sehr schön und aufrichtig und letzten Endes auch effizient.
Dominik: Bei uns kann zum Beispiel keiner Noten lesen, außer Hannes.

Euer Sound ist sehr positiv und lebensbejahend. Da frage ich mich manchmal, wie man die ganze Zeit diese gute Laune aufrecht erhalten kann. Was macht ihr denn wenn ihr Tage habt, an denen ihr gar keinen Bock habt?
Kevin:
An Karneval kommt ja sehr viel zusammen, weil man an manchen Tagen acht oder mehr Auftritte spielt und da haste natürlich auch mal nen Hänger. Bei langen Busfahrten zum Beispiel. Auch körperlich, wenn man einen Muskelkater hat. Aber man merkt immer wieder, egal wo man spielt: Sobald du den ersten Schritt auf die Bühne machst, funktioniert es halt wieder, wie auch immer. Manchmal ist es wie beim Laufen, wo man einen gewissen Punkt überschreiten muss und dann immer weitermachen kann. Sobald ich den Schritt auf die Bühne mache, geht es wieder darum, abzuliefern. Du willst ja auch, dass es geil wird. Du bist auf der Bühne und batz! schon sind die hundert Prozent wieder da. Wir trinken kein Alkohol, nicht davor, nicht währenddessen oder danach. Das ist auch ein weiterer wichtiger Punkt: Der Körper muss giftfrei sein. Viel trinken und viel essen, unser Busfahrer kümmert sich da auch um uns mit Studentenfutter und Obst.

Braucht ihr ein Band Gegenüber, um an eure Grenzen zu kommen?
Kevin:
Ohne die anderen wäre ich an meinem Instrument gar nicht weitergekommen, weil eben manche Lieder eine musikalische Herausforderung sind, gewisse Anschläge, die man vorher nicht gespielt hat oder Fingersätze, die man vorher noch nicht gegriffen hat. Die Jungs haben mich auch immer weitergebracht in meinem Spielen.

fabian stuertz 2018.05.29 - cat ballou - maarweg studio 0042-c.jpg

Wir bespielen Karneval so, wie wir ihn feiern würden. Aber wir schreiben nicht für den Karneval.

Wollt ihr in Zukunft auch andere Bands mit in euer Label aufnehmen?
Dominik:
Auf jeden Fall. Im Moment sind wir noch in den Kinderschuhen, aber wir wollen auf jeden Fall noch mehr Künstler aufnehmen, die wir cool finden. Solche, bei denen wir denken, da könnte die Zusammenarbeit Spaß machen, auch für junge Menschen. Hauptsächlich wollen wir coole Arbeit machen, wo man sich gegenseitig Bälle zuwirft. Wir wollen auch Künstlernah arbeiten, deshalb ist da auch eine gemeinsame Wellenlänge wichtig.
Kevin: Wir sind auch gerade im Gespräch mit einer Band, die kölschen Sound macht. Das könnte etwas geben.
Oli: Abstrakte Zwölftonmusik würde jetzt vielleicht nicht so passen, deshalb sagen wir auch ‘Schuster bleib bei deinen Leisten’, damit arbeiten wir.
Dominik: Wir haben Bock, mit neuen Leuten zu arbeiten, mit Leuten, die einen neuen Spirit reinbringen ohne dabei nur auf Karneval zu schielen. Wir bespielen Karneval so, wie wir ihn feiern würden. Aber wir schreiben nicht für den Karneval.

Wem es bis September zu lange ist, um die Band live zu sehen, der sollte sich unbedingt die Tourtagebücher auf Youtube ansehen und dem Instagram Account von Cat Ballou folgen. Hier bekommt man als Fan sehr sympathische und ehrliche Einblicke im Bandalltag der Jungs.

Eure Charlotte & Fabian