Kultur: Bei 1Live Klubbing lesen zeitgenössische Autoren aus dem eigenen Werk

Text: Steffi Kutsch & Gastfotograf: Jörn Strojny

In 1LIVE-Klubbing wird vorgelesen. – Wo gibt es denn sowas heute noch? Vorlesen kennt man höchstens aus Kindertagen, wo die Eltern einem als „Betthupferl“ aus dem Lieblingsbuch vorlasen, um das Einschlafen zu erleichtern oder über das unliebsame Thema „schon ins Bett zu müssen“ hinwegzutrösten. Ein wohliges Vergnügen jedenfalls.

Bei 1LIVE wiederum lesen angesagte Schriftsteller der Gegenwart aus ihrem eigenen Werk.
Die Lesungen finden jeweils freitags um 19 Uhr in Saal 1 des 1LIVE-Hauses statt, werden aufgezeichnet und sind über den Sender zugleich „live“ als auch im Nachhinein abrufbar.

Am schönsten ist es aber im Saal zu sitzen, den Autoren direkt und persönlich zu begegnen und ihnen „wortwörtlich“ gebannt an den Lippen zu kleben.

Ein lohnenswertes Vergnügen. Man hört ihre Stimme, sie sitzen real und lebendig vor einem. Durch ihre Betonung beim Lesen und die gewählte Stimmlage, fühlt man sich ihren Figuren näher oder ist gar selbst einbezogen in die Erzählungen. An der Präsentation, in ernster oder auch heiterer Mine, versteht man, wie ihre Aussagen gemeint sind oder verstanden werden sollen. Eine Frage, die sonst stets offenbleibt, die einen aber bereits seit der Schulzeit im Deutschunterricht beschäftigt: Hat der Autor, die Autorin etwas „wirklich“ so gemeint?

Bei 1 LIVE- Klubbing hat man es besser. Hier erfährt man es. Nach jeweils kleinen Leseauszügen unterbricht die charmante Moderatorin Mona Ameziane mit einigen Interview-Fragen, die bestens recherchiert sind. Zielgenau trifft sie damit die Punkte, die man den Autor selbst gerade am liebsten gefragt hätte, die einem just „auf der Zunge lagen“. Dies macht das Vorlese-Vergnügen lebendig und unterhaltsam, hat nichts mit schwerer, verstaubter literarischer Kost zu tun, was keineswegs heißt, dass die völlig verschiedenen, hier vortragenden Autoren unterschiedlichster Genres und Themen, Woche für Woche, keinen Anspruch hätten. Im Gegenteil, oftmals sind deren Tickets für weitere Lese-Veranstaltungen in der Umgebung begehrt und schnell ausverkauft. Das 1 LIVE Vergnügen ist für die Zuhörer jedenfalls kostenlos, es bedarf einzig und allein einer kurzen Voranmeldung per Mail, damit die Teilnehmer- und Sitzplatzzahlen registriert werden können.

Wir waren am 1.12.2017 bei 1 LIVE-Klubbing zu Gast, als die kesse, junge österreichische Autorin Stefanie Sprengnagel alias Stefanie Sargnagel mit auffälliger roter Baskenmütze und lässigen Turnschuhen aus ihrem aktuellen Buch „Statusmeldungen“ vorliest, was, strenggenommen, ein unkommentierter Abdruck einer Auswahl ihrer privaten, täglichen Facebook-Posts der letzten zwei Jahre darstellt. Ihre „Statusmeldungen“ also. Warum das von Interesse ist?

Sie ist mutig und ungeniert, bringt Dinge auf den Punkt, die jeder aus Beobachtung anderer oder gar von sich selbst kennt, sie ist brutal ehrlich, auch zu sich selbst.

Dabei ist ihr Ton entlarvend ironisch, was wichtig ist, da sie sich kritisch mit politisch brisanten Situationen unserer und ihrer Zeit auseinandersetzt. An anderer Stelle wird es wiederum „alltäglich“, allerdings nie langweilig und profan, selbst wenn sie über Profanes schreibt. Unbedingt spielt nämlich auch eine riesige Portion Humor eine Rolle.

Facebook sei wie ein Gesprächspartner, wenn niemand da sei, poste sie ihre Gedanken einfach. – Und so postet sie ... ihre Gedanken zu einem Hotelbesuch in Köln, fragt sich, warum die Ausstatter dort wohl überhaupt auf die Idee gekommen seien, unnützer Weise, einen Spiegel über dem Klo anzubringen, stellt fest, dass die Süßigkeiten-Menge auf den Kopfkissen ruhig hätte erhöht werden können, reflektiert an anderer Stelle über das Leben in der Nähe der U-Bahn Station „Margarethengürtel“, in einem sozial schwachen Stadtteil Wiens, wo sie selbst lebt, wo es viel Alkoholismus und Gewalt, aber immer auch „etwas zu sehen“ gebe, stellt für sich fest, dass sie gerne „die Erfinderin des Ketchup-Rezepts“ gewesen wäre, denkt zurück an heitere, allerdings auch irrwitzige Erlebnisse im Kundengespräch einer „Rufnummernauskunft“ eines Callcenters für das sie arbeitete, den Job, den sie wiederum kündigte, nachdem der Rowohlt-Verlag ihr einen Vorschuss für eben den Druck ihres Werkes „Statusmeldungen“ zusagte... - Ich könnte ihr stundenlang weiter zuhören.

Vielleicht habt ihr auch Lust dazu bekommen?
Besucht doch eine der kommenden Lesungen von Stefanie Sargnagel in Köln oder meldet euch zu einer der nächsten Veranstaltungen von 1 Live Klubbing mit vielen weiteren spannenden Gast-Autoren an. Informationen zu den nächsten Lesungen bekommt ihr hier.

Ich, für meinen Teil, lasse mir fortan bei 1 LIVE-Klubbing nun wieder öfter abends vorlesen!

Eure Steffi & Jörn


Gastfotograf Jörn Strojny stellt sich vor:

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Aufgewachsen bin ich im barocken Ludwigsburg, nahe Stuttgart. Für das Studium »Fotografie und Medien« zog es mich 2011 nach Bielefeld. Mit der Abschlussarbeit »Ein Portrait junger Landwirte« beendete ich 2015 das Studium. Seit Anfang 2016 lebe und arbeite ich als Portrait- und Editorialfotograf in Köln.

www.joernstrojny.de