“Wir haben auch schon mal überlegt, einen Reiseführer über Imbissbuden auf dem Land zu schreiben”

Text: Charlotte Ebert & Fotos: Athenea Diapouli-Hariman

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Schwungvoll fährt der silberne Opel Corsa in die Schanzenstraße und hält vor den Musikproberäumen “art olive”. Auf der Motorhaube des Kleinwagens klebt ein Sticker: Das Logo der Kölner Band “Miljö”. Der junge Mann auf dem Beifahrersitz umarmt den Fahrer, steigt aus und läuft zu einem schwarzen Sprinter, der ebenfalls in der Schanzenstraße steht. Der junge Mann ist Simon Rösler. Er ist der Schlagzeuger von der Band, die als Logo auf dem Auto klebt. Der Fahrer des Wagens ist sein Vater.

200 Auftritte von November bis Aschermittwoch

Es ist ein nasser und grauer Samstag im Januar. Im schwarzen Wagen warten die anderen vier Bandmitglieder auf den Drummer. Es ist um die Mittagszeit und vor fünf Minuten hätte die Band losfahren sollen. Auf dem Tagesplan stehen an diesem Tag sieben Auftritte im Kölner Umland: Zwei Herrensitzungen, jeweils eine Damen-, Kostüm- und Prunksitzung sowie eine Proklamation und zum Abschluss eine Kostümsitzung im denkmalgeschützten Kursaal der Stadt Bad Honnef. Maximal sechs Auftritte macht die Band an einem Tag normalerweise. Ab dem siebten muss Sänger Mike zusätzlich zustimmen. Wegen der besonderen körperlichen Belastung. “Mike ist sehr fit in dieser Session” erklärt Nils. Er spielt die Quetsch und Gitarre. Immer mit im Einsatz sind Tontechniker Achim und drei von insgesamt sieben Crewmitgliedern. Achim fährt auch manchmal den Sprinter, die Crew sitzt mit im Wagen: Fabian, Dominik und Martin. So reisen nicht viele Bands. Normalerweise fahren Band und Crew getrennt. Aber einerseits ist ein zweiter Bus finanziell nicht machbar und andererseits fördert ein Wagen den Teamgedanken.

Der erste Auftritt ist um 14 Uhr in Tollhausen. Das Dorf bei Elsdorf hat 217 Einwohner und seit 2002 eine Busverbindung. Geladen haben die Bundesschützen Musikkorps zur 21. Herrensitzung im großen Festzelt auf dem Kirmesplatz. Die Männer tragen Kappen, auf denen Brüste geklebt sind und T-Shirts die von Sprüchen wie "Halts Maul und geh Bierholen" oder "Meine Frau hat den geilsten Arsch der Welt: mich" geziert werden. Ein halbnacktes Nummerngirl geht auf die Bühne. Beim Vorbeigehen hinterlässt sie einen süßen Parfümgeruch, der sich mit dem von Currywurst vermischt. Herrensitzungen auf dem Land sind derb und handfest. Je mehr Fußballtrikots, desto rustikaler geht es zu. Manch einer würde auch sagen: Was für ein Kulturschock. Rund um das weiße Zelt erstrecken sich brauner Acker und grauer Himmel. Im Zelt hingegen ist es bunt, hell und laut. Der Moderator kündigt Miljö als Band von der Schäl Sick an. Die Stimmung ist ausgelassen, das Nummerngirl hat gut aufgeheizt. “Wir sind die zweite Nummer und die Männer stehen. Das ist Wahnsinn”, erklärt Achim. Er verwaltet die Fernbedienung für das Mischpult und ist somit Herr über 32 Kanäle. Er passt die Instrumente an die Gegebenheiten des Festsaals an. Jeder Saal hat unterschiedliche Anforderungen. Zwischendurch schaut er auf seine smart Watch. Hier empfängt er Verkehrsmeldungen: Die A57 Richtung Köln City ist auf der inneren Kanalstraße dicht. Doch das stört hier im Moment niemanden.

200 Auftritte hat die Band von 11.11. bis Aschermittwoch. In der Session ab Januar jedes Wochenende um die zehn, unter der Woche kommen zusätzliche hinzu. Jeder Auftritt ist 25 Minuten geplant, plus fünf Minuten An- und Abmoderation. In Tollhausen rufen die Kappen- und Trikotträger nach einer Zugabe. "Wollt ihr wirklich noch einen hören?" ruft Sänger Mike ins Publikum und sie spielen “Schön ist anders” vom Album Wolkeplatz ."Tanzen darf scheiße aussehen,” sagt Mike zu den Männern. “Wir sind ja quasi unter uns." Das Publikum verabschiedet die Jungs mit einem Karnevalskommando, der Moderator drückt ihnen ein Fässchen Kölsch in die Hand und gibt jedem einen Handschlag.

Zwischen den Auftritten: Quizduell und Playstation

Das Hauptgeschäft der Band liegt in der Karnevalszeit. Trotzdem ist die Band mit ihrer Musik das ganze Jahr über ausgelastet. Dass es einmal so kommen würde, damit hat bei der Gründung vor sechs Jahren niemand so richtig gerechnet: “Ich dachte mir: Drei Monate arbeite ich, den Rest des Jahres habe ich frei. Klingt doch spitze”, sagt Drummer Simon. In der Realität sind die Musiker mittlerweile fast jedes Wochenende unterwegs und spielen ihre Lieder live. Auch drumherum gibt es immer etwas zu tun: Proben, Arbeiten am Album, organisatorische Besprechungen mit der Technik oder der Bookingagentur. Jeder bei Miljö übernimmt Aufgaben, die über das Musikmachen hinausgehen: Nils und Simon teilen sich die Social Media Abteilung, Sven gestaltet das Artwork und die Grafik für CDs und Plakate, Max macht die Buchhaltung, Mike und Nils schreiben neue Songs, zu denen Simon beisteuert. Es ist ein voll ausfüllender Job. Doch nur Simon ist hauptberuflich Musiker und lebt von der Musik. Alle anderen arbeiten noch nebenher oder sogar mehr. So ist Mike in der IT, Sven selbstständiger Mediengestalter im kulturellen Bereich, Max als Gesundheitsökonom angestellt und Nils arbeitet als Sport- und Englischlehrer. Und zwar an der Gesamtschule, an der die Jungs sich vor über zwanzig Jahren kennengelernt haben. Hin und wieder kommt es vor, dass er in den Pausen Autogramme schreiben soll.

Für den zweiten Auftritt geht es nach Vettweiß. Wieder eine Herrensitzung, wieder ein Festzelt umgeben von Ackern, wieder viele Männer in Fußballtrikots. Man trifft auf die Musikerkollegen Kasalla und ihre Crew. Herzliche Umarmungen wie bei einem Klassentreffen. “Als die App ‘Quizduell’ noch beliebt war, haben wir auf Fahrten immer gegen andere Bands gespielt: Cat Ballou, Klüngelköpp und andere”, sagt Mike. Die Band hat noch eine halbe Stunde Zeit bis zum nächsten Auftritt und wartet im Bus. Das Wetter ist zu ungemütlich, um vor dem Zelt zu stehen. Im Bus ist eine Playstation aufgebaut, dazu gibt es Verpflegung von zu Hause: Haribo, kalte Spaghetti, kleingeschnittenes Obst und Gemüse. Eine Desinfektionsflasche hängt über einem der Sitze und kommt nach jedem Händeschütteln zum Einsatz. Krank werden kann man sich jetzt nicht leisten. Das Fässchen vom ersten Auftritt steht geschlossen auf dem Boden. Die goldene Regel: Erst beim letzten Auftritt ein Bier.

Während die Band Kasalla auf der Bühne steht, bereitet die Crew den Aufbau der Instrumente vor. Der Gang zur Bühne ist eng und von feiernden Männern besetzt. Die Luft ist aufgeheizt, die Crew hat kaum eine Chance nach vorne zu kommen. Achim und der Tontechniker von Kasalla tauschen sich untereinander aus. Die Halle in Vettweiß ist nicht gleichmäßig aufgebaut und aus tontechnischer Sicht eine Herausforderung. Die Crews helfen sich gegenseitig beim auf- und abbauen. In Vettweiß sind Stufen vor der Bühne. Das erschwert es der Crew, die Instrumente und das zugehörige Equipment auf die Bühne zu hieven.

Wieder auf der Bühne spielt die Band die gleiche Liederreihenfolge wie beim ersten Auftritt. Und auch die Veranstaltungen danach haben einen gleichen Fahrplan: Ankommen, die Crew baut auf, die Band wartet. Die Band wird anmoderiert und spielt 25 Minuten. Bei “Kölsch statt Käsch” kommt eine Konfettikanone zum Einsatz und schießt bunte Geldscheine ins Publikum. Zwischen den Stücken werden blitzschnell Gitarren gewechselt. Zugabe spielen, Verabschiedung, Weiterfahren. Sämtliches Equipment, das nicht mehr gebraucht wird, räumt die Crew direkt von der Bühne. Flink und unauffällig sorgen sie dafür, dass der Auftritt reibungslos abläuft. Ohne eine stabile Crew wäre das undenkbar.

Früher Punk, heute Damensitzung

Auftritte im Umland bedeuten grundsätzlich mehr Fahrzeit. Zeit, in der man kein Geld verdient. Wenn man Glück hat, liegen die Veranstaltungen nicht allzu weit auseinander. Kölner Top-Bands spielen hauptsächlich in der Kölner Innenstadt, im Gürzenich oder den Sartory Festsälen. Von diesem Luxus sieht Miljö sich noch weit von entfernt und ist dennoch sehr zufrieden mit der aktuellen Situation: “Die Leute im Umland sind sehr dankbar, wenn man hier rausfährt”, sagt Nils. “Auf dem Land ist man eine große Band und wird enorm empfangen.” Das wird der Veranstalter der Kostümparty in Bad Honnef später bestätigen: Es sei nicht leicht, eine große Band zu finden, die am Wochenende raus auf das Land fahre.

Nach zwei Herrensitzungen ist gerade 18 Uhr und genug Zeit für eine größere Pause im “Nörvenicher Ess Paradies”. Auf dem Tisch landen Pizza, Döner, Currywurst und Schnitzel. Dazu gibt es Erdinger Alkoholfrei und die Spielergebnisse der Kölner Haie. Wer viel im Umland unterwegs ist, kennt die ein oder andere Imbissbude. “Wir haben auch schon mal überlegt, einen Reiseführer über Imbissbuden auf dem Land zu schreiben”, meint Max. “Die anderen Bands hätten ja auch etwas davon.” Im Karneval gibt es keine Kontrahenten. Zumindest nicht unter den Bands.

Auf den nächsten Auftritt freut sich die Band besonders. Die Karnevalsgesellschaft “Fidele Jonge Nörvenich” veranstaltet in der Neffeltalhalle eine Damensitzung. Bis auf den letzten Platz ist der Festsaal mit über vierhundert sehr ausgelassenen Damen besetzt. Auf den Tischen stehen Sektflaschen statt Pittermännchen. Nicht nur der Kopfschmuck fällt vielseitiger aus. Statt Kappen mit Brüsten dominieren geschmückte Hüte, bunte Perücken und schimmernden Federn. Glitzernde Einhörner schunkeln neben plüschigen Krümmelmonstern. Die Band betritt die Bühne und es dauert nicht lang, ehe zwei als Lollipops verkleidete Frauen zu einer Polonaise animieren. Hunderte Frauen bilden eine Schlange und peitschen Fröhlichkeit durch den Saal. “Mädels sind einfacher zu begeistern”, erzählt Achim. “Bei Herrensitzungen sieht man, dass die Männer auch irgendwie wollen. Aber es fällt ihnen schwerer, das zu zeigen.”

Trotzdem wissen auch die männlichen Fans es zu schätzen, dass Miljö zu ihnen kommt: “Miljö ist eine tolle Band für mich. Als Fan von den Bläck Fööss sind sie für mich ein guter Nachfolger”, sagt ein männlicher Gast. Nach sechs Jahren der Gründung ist Miljö der Nachwuchsriege der kölschen Karnevalsmusik endgültig entwachsen. Ohnehin machen die Jungs insgesamt seit fünfzehn Jahren in den unterschiedlichsten Konstellationen Musik. Dabei waren sie lange Zeit im Rock, Punk und Ska zu Hause. Und in Dünnwald, wo noch heute manch ein Elternhaus steht. Ursprünglich war “Miljö” ein Spaßprojekt. Es hieß auch nicht “Miljö”, sondern “Förster Willi un de fidele Knallhörste”. Unter diesem Namen coverten sie ab 2007 Karnevalslieder für den Dünnwalder Veedelszug. Elf Monate im Jahr spielten sie Ska und Rock. Den zwölften Monat traten sie in grünen Försterklamotten und Hüten auf feierten “Viva Colonia” und “Mer losse d’r Dom in Kölle”.

Die goldene Regel wird bei jedem Siebener angewendet

Erst 2012 hatten sie die Idee, auch eigene Songtexte zu schreiben. So entstand ein Demotape mit drei Songs und die Anfragen nach Auftritten wurden mehr. Irgendwann fragten sie sich: Ist das Spaß? Sind wir Karnevalskasper oder wollen wir etwas Größeres aufziehen? Etwas, das auch außerhalb von Karneval funktioniert und mit dem wir uns identifizieren können? Schon ein Jahr vorher hatte “Kasalla” ihren Riesenhit “Pirate”, der zu einem der meistgespielten Songs der Karnevalssession 2011/2012 avancierte. Auf einmal waren junge Bands in der Karnevalsszene wieder total in. Ein Signal für Mike und die anderen Bandmitglieder. Die kölsche Identität und das loyale Heimatgefühl sollten vertont werden. “Aber die ersten drei Jahre waren hartes Brot”, erklärt Nils.

Wir hatten kleine Gigs, keiner kannte uns. Manchmal spielten wir vor 50 oder weniger Leuten. Da hat man sich schon manchmal gefragt, warum man das macht.
— Nils

2016 schaffte die Band es bei der Radio Köln “Top Jeck”-Abstimmung mit dem Titel “Su lang die Leechter noch brenne” auf den ersten Platz und wurde vom Komitee des Rosenmontagszugs eingeladen, auf einem Wagen zu spielen. Und plötzlich sangen alle ihr Lied. “Ab da war es Zucker und man merkte, wie sich die harte Arbeit gelohnt hat” erzählt Nils. Erst jeck, dann Scheck: Große Bands verdienen bis zu 4.000 Euro pro Auftritt im Karneval.

Es ist kurz vor Mitternacht. Der 1906 erbaute Kursaal in Bad Honnef glänzt prunkvoll in die dunkle Nacht hinein. Die Karnevalsparty „Ramba Zamba Bütt & Danz“ der KG Ziepches Jecke ist gut besucht und die Stimmung nähert sich dem Höhepunkt. Einige Tanzgarden sind bereits aufgetreten. Es ist der letzte offizielle Akt des Abends und auch für die Jungs von Miljö ist es der siebte und somit letzte Auftritt an diesem Tag. Bevor es auf die Bühne geht wird die goldene Regel angewendet: Jeder bekommt ein Kölsch und zusammen stoßen sie auf den “ersten Siebener der Session” an. Dann geht es mit den letzten Energiereserven vor die Menge, die bereits fiebrig auf die Jungs wartet, um sich ihrer Tanzenergie zu entladen. In ihren bunten Shirts mit einem Patch auf der Schulter, holt Miljö zu einem letzten Paukenschlag und es scheint, als flöge das Konfetti zum Abschluss besonders wild und viel. Der Moderator ist sehr zufrieden. Miljö ist nicht das erste Mal hier und man erkenne den großen Entwicklungssprung, den die Band seit ihrem ersten Auftritt in Bad Honnef einige Jahre zuvor

Nach dem Auftritt wollen immer einige Fans Autogramme. Die Zeit haben die Jungs immer. Vor allem jetzt, wo der letzte Auftritt hinter ihnen liegt. „Dass jemand deine Unterschrift wertschätzt, ist schon ein cooles Gefühl“, sagt Nils. „Auch wenn ich mein eigenes Gekrakel nicht lesen könnte“, fügt er lachend hinzu. Noch schnell die letzten Fanbilder schießen, dann geht es mit der ganzen Belegschaft zurück in die Schanzenstraße. Nach fünfzehn Stunden ist der Tag vorbei. Lange pausieren kann keiner: Der nächste Sonntag führt Band, Crew und Achim wieder ins Kölner Umland zu fünf Auftritten.

Eure Charlotte & Athenea

*Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit Gaffel.