Eine Liebeserklärung an "Musik in den Häusern der Stadt"

Text: Elena Braun & Fotos: Beatriz Montilla (erstes Konzert)
Text: Vanessa Schaefer & Fotos: Luisa Zeltner (zweites Konzert)

Es gibt ein Wort, das klingt wie Musik in den Ohren: Wohnzimmerkonzert. Wer schon auf einem war, wird mir Recht geben, dass so etwas eine einmalige und besonders gemütliche Atmosphäre schafft. Die Veranstaltung „Musik in den Häusern der Stadt“ des Vereins KunstSalon bringt diese Idee auf ein neues Level. Schon zum 21. Mal fand das Festival zwischen 07. und 12. November 2017 in Köln statt. Ungewöhnliche Orte, die sonst nicht unbedingt zugänglich sind, verwandeln sich in Konzertlocations. Wohnungen und Firmen öffnen sich für Musiker und Gäste. In den sechs Tagen gibt es in Köln ganze 38 Konzerte.

Erstes Konzert: Quartett um Joscho Stephan in der Kaune Contemporary Gallery

Die Wahl für unsere erste Station fiel uns daher nicht leicht, aber letztendlich haben wir uns am Festival-Mittwoch für das Quartett um Gitarrist Joscho Stephan entschieden. Gemeinsam mit seinem Vater an der Rhythmusgitarre, Volker Kamp am Kontrabass und Matthias Strucken am Xylophon schafft er ein regelrechtes Swing-Erlebnis.

Mit einer rasanten Geschwindigkeit fahren die Finger über die Instrumente. Das Publikum merkt: Diese Musiker wissen genau, was sie da tun.

So schaffen sie es ab dem ersten Lied, dass das Publikum mit Zwischenapplaus und anerkennendem Johlen mitgeht. Die Musik lädt zum Mittanzen ein, doch in der bestuhlten Kaune Contemporary Gallery kommen wir nicht über ein sitzendes Mitwippen hinaus. Zwischen zwei Songs erklärt Matthias Strucken sein Xylophon und schaut selbst erstaunt an die hohen Decken der ehemaligen Kapelle, weil der Klang so wunderbar widerhallt.
An den Wänden der Galerie begleitet die aktuelle Ausstellung optisch das Konzert. Die Collagen von Künstler Thomas Schriefers haben wie die swing-jazzige Musik Ecken und Kanten, bieten Platz für die eigenen Gedanken.

Nach dem unterhaltsamen Konzert gibt es Fingerfood und Wein für alle. Dabei unterhalten wir uns mit Barbara Hosmann, die im Vorstand des KunstSalon sitzt. Sie erklärt uns, dass es als Gastgeber dazugehört, für Verpflegung zu sorgen. Der heutige Gastgeber in der Kaune Contemporary Gallery hat sich nicht lumpen lassen – das Catering ist sehr hochwertig. Barbara Hosmann erzählt: „Manche bieten auch nur Salzstangen und Getränke an, aber es ist uns wichtig, dass es irgendetwas gibt, damit alle noch etwas länger bleiben. So bringen wir Menschen ins Gespräch. So wie das jetzt hier passiert.“ Und sie hat Recht, auch eine halbe Stunde nach dem Konzert stehen noch viele Grüppchen zusammen und unterhalten sich.

Selbst ein schönes Treppenhaus kann eine tolle Atmosphäre schaffen.
— Barabara Hosmann, KunstSalon
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Die Gastgeber übernehmen neben der Verköstigung auch die Finanzierung des Abends. Als Verein ist der KunstSalon auf diese Art der Unterstützung angewiesen. Das erklärt, warum inzwischen auch viele Firmen Gastgeber geworden sind. „Aber wir hatten auch schon WGs als Gastgeber, da tun sich dann eben mehrere Leute zusammen“, sagt Barbara Hosmann. Eine wahnsinnig abgefahrene Wohnung muss man übrigens nicht haben, um Gastgeber zu werden. Für Hosmann macht gerade die Abwechslung den Reiz aus: „Selbst ein schönes Treppenhaus kann eine tolle Atmosphäre schaffen.“

 

Zweites Konzert: Gregor Schwellenbach im Atelierhaus Quartier am Hafen

Neues erleben, Musik erfahren, und dabei den raumkörperlichen Abstand zum Künstler überwinden –  mit diesem anspruchsvollen Vorhaben machten wir uns am 10. November auf den Weg zu einer ehemaligen Industriehalle in der Nähe der Pollerwiesen. Anlässlich des zweiten Konzerts besuchten wir das Atelierhaus Quartier am Hafen. Die Location, die von außen recht unscheinbar wirkt, offenbart sich mit 86 Ateliers als riesige Kunstfabrik. Auf stolzen 9.000 qm² arbeiten Künstler und Künstlerinnen verschiedener Metiers und schaffen dabei inspirierende Arbeitssymbiosen. Getreu dem Grundsatz, dass Kunst Grenzen überschreitet, soll sich das Atelierhaus diesmal durch Komponist und Multiinstrumentalist Gregor Schwellenbach in einen Konzertsaal mit Clubatmosphäre verwandeln. Wir sind gespannt, wollen gleichzeitig klassische Klaviermusik hören und auf intensive Elektrobeats tanzen!

Gregor Schwellenbach bewegt sich auf der Grenze unterschiedlicher Musikgenres, ähnlich wie unser Haus, das eine Öffnung zu weiteren Kunstrichtungen ermöglichen soll.
— Andres Schmitz, Leiter des Atelierhaus Quartier am Hafen

Unsere Vorfreude und Neugier teilen wir mit viele Gästen, die sich im hellen LED-Licht angeregt unterhalten, den Gebäudekomplex erkunden und kleinere Performances vorab fasziniert verfolgen. Offensichtlich hat das mittlerweile zum 21. Mal stattfindende Festival einige begeisterte Anhänger gefunden.

Es ist das persönliche Ambiente, die Nähe zum Künstler und das Zusammentreffen von Kulturinteressierten unterschiedlichen Alters, was die Konzerte des Musikfestivals besonders macht.

Man trifft hier sehr unterschiedliche Leute. Alle sind offen und wollen etwas erleben.
— Jode, Besucherin

Bevor es losgeht, nutzen wir die Gelegenheit und fragen Gregor Schwellenbach, inwieweit er mit seiner Musik Grenzen aufzubrechen wagt. Er erklärt uns, dass er Teilaspekte der Musikrichtungen kombinieren möchte. So spielt er beispielsweise mit der Art des Zuhörens, wechselt innerhalb einer gediegenen Konzertszenerie zu Techno oder überrascht beim Auflegen im Club mit einer Klassikplatte. Schließlich haben alle noch so unterschiedliche Musikformen etwas gemein:

„In allen Musikrichtungen gibt es eine Suche nach etwas Neuem. Selbst wenn man 500 Jahre alte Musik spielt, versucht man sie für sich neu zu entdecken, sie lebendig zu machen.“, sagt der Musiker und Komponist.

Zuletzt verrät uns der Künstler, der nebenbei Populäre Musik an der Folkwang Uni in Essen lehrt, dass er in Köln am liebsten ins Gewölbe oder ins Roxy feiern geht. Besonders das Roxy werde häufig unterschätzt.

In einem der vielen Ateliers erfahren wir kurz darauf, wie sich eine solche musikalische Synthese anhört. Es ist dunkel, nur auf Gregor Schwellenbach samt DJ-Controller und Piano fällt ein Lichtkegel. Um ihn und seine Instrumente herum steht das Publikum. Gebannt lauschen wir dem Wechsel von elektronischen Tönen, neu gestalteten Melodien von Jürgen Paape oder Johann Christian Bach. Die Zuhörer werden abgeholt von neu interpretierten Hits des stadteigenen Plattenlabels Kompakt. Zeitgleich wirft ein Projektor das bewegte Bild der Zuschauermenge des 1970 in Soest stattgefundenen Konzerts von Can an die Wand. Die darin zu sehende losgelöste Stimmung soll auf das anwesende Publikum transportiert werden.

Zugegebenermaßen dauert es etwas, bis sich das erste langsame Mitschwingen zu entschlossenem Tanzen entwickelt. Für mich ist klar, dass Gregor Schwellenbachs Musik verzaubert und gleichzeitig mitreißt. Dies steht spätestens fest, als das Publikum nach der lautstark eingeforderten Zugabe die Frage, ob Techno oder Bach, einstimmig mit TECHNO! beantwortet.

Nicht nur Musik, sondern auch Literatur

Inzwischen hat sich das Angebot des KunstSalons noch deutlich erweitert. „Literatur in den Häusern der Stadt“ wird auch von dem Verein veranstaltet, daneben gibt es verschiedene Künstlerförderungen. Und auch „Musik in den Häusern der Stadt“ hat sich vergrößert: Es findet inzwischen in insgesamt fünf Städten statt – organisiert wird aber weiterhin alles aus Köln. Damit erklärt sich auch der Ticketpreis von etwa 20 Euro, denn das muss alles finanziert werden. Auf der Website schreibt der KunstSalon: „Wer Kunst fordert, muss Kunst fördern!“ und wir würden nach diesen gelungenen Abenden sagen – ja, auf jeden Fall!

Eure Elena, Vanessa, Bea und Luisa