"Der Dichter ist ein Lügner, der immer die Wahrheit sagt" - Fragen und Antworten zum Tag der Poesie

Text & Poesie: Antigoni Tsengelis & Bilder: Athenea Diapouli-Hariman

Wieso Poesie?

Poesie ist für mich eine faszinierende Art zu erzählen. Für mich hat sich das immer natürlich angefühlt. Ich liebe es mit Sprache zu spielen, Bilder zu kreieren, neue Zusammenhänge und Deutungsbezüge herzustellen und hatte schon immer wahnsinnig viel Phantasie. Es gibt da ein Zitat: "Der Dichter ist ein Lügner, der immer die Wahrheit sagt." Das trifft es ziemlich gut – und ich ergänze: Poesie schafft es, mit Phantasie die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache einzusetzen und sprachliche Bilder zu inszenieren – geschöpft aus teils selbst erlebten, teils beobachteten, fiktiven oder eigens interpretierten Situationen und Zusammenhängen – mit der Absicht eine persönliche oder auch (gleichzeitig) allgemeingültige Wahrheit aufzuzeigen und so Emotionen hervorzulocken, Geist und Seele anderer zu berühren und sie zu verwandeln. Das klingt total abgefahren Weltbewegend, ist es aber auch.

 

Wann hast du gemerkt, dass Poesie dir wichtig ist?

Mein erstes Gedicht ist entstanden, da war ich gerade zwölf – auf dem Rücken meiner Schulmappe. Wobei ich da noch gar nicht verstanden hatte, was ich da eigentlich mache. So richtig ging es dann als junger Teenager los und da ist dann auch mein erstes offizielles Gedicht entstanden: "Salzige Tränen kullern ..." uund so weiter. – welches ich never ever jemandem zeigen werde! Ich hatte immer wahnsinnig viele und auch sehr unterschiedliche Interessen, dass ich dann schließlich Germanistik, Philosophie und Klassische Literaturwissenschaften studiert habe, wundert mich trotzdem nicht.

 

Was inspiriert dich beim Schreiben?

Alles. Wirklich ALLES. Das Leben an sich mit all seinen bunten Facetten und damit selbstverständlich eigene Erlebnisse, Emotionen, Sehnsüchte und Reflexionen. Dadurch, dass ich viel Empathie besitze und einen großen Hang zur Philosophie habe, auch das Erleben und Fühlen anderer bzw. meine Interpretation und Übersetzung dessen – starke Persönlichkeiten, Kunst im Allgemeinen, Orte, Situationen, dich ich beobachte, die mich berühren, das Weltgeschehen, der Weltschmerz. Runtergebrochen geht es immer um Gefühle, die etwas bei mir auslösen und die dann meinen Verstand kitzeln. Es kann zum Beispiel ein Film sein, der mich nachhaltig flasht – zuletzt beispielsweise Bohemian Rhapsody – eine Situation, die ich in der Bahn oder sonst wo beobachte oder ein Ort oder Moment, der mich "in Stimmung bringt". Ich schreibe entsprechend überall, Handy sei Dank, weil mir ständig Ideen, Bilder oder Wortfetzen einfallen, Bezüge, die ich herstelle oder mir Stimmungen begegnen, die ich schriftlich einfangen und festhalten muss.

 

Du hast einen gewissen Stil, wie ist der entstanden?

So wie das Schreiben hat mich auch die Kunst früh begleitet, ich habe immer viel gezeichnet, gemalt, illustriert. Und die Kombination von Wort und Bild hat mich immer gereizt, so dass ich sie bis heute als Symbiose betrachte. Meine Poesie durch Zeichnungen zu ergänzen, ist daher fließend entstanden. Und dennoch alles Schrittweise – ich habe ziemlich viele Entwicklungsstufen und Phasen hinter mir und wenn auch die Linie jetzt deutlich ist, variiere ich auch heute hin und wieder noch. Man darf eines nicht vergessen, ich bin damals ohne Internet aufgewachsen beziehungsweise sehr begrenzt und nicht mit den endlosen Möglichkeiten, die sich heute jungen Leuten bieten. Das heißt, ich war gefühlt ziemlich lange ziemlich alleine mit meiner Leidenschaft – was aber auch Freiheiten schafft, nämlich seinen eigenen Stil zu finden. Seit ein paar Jahren hat sich das geändert, was einerseits super cool ist, weil man sieht, wie die Community wächst – beziehungsweise man überhaupt checkt, dass es eine gibt, gleichzeitig entdeckt man immer mal wieder Parallelitäten hinsichtlich Themen oder ähnlicher Stile bei anderen Künstlern – was sich plötzlich total neu anfühlt und teilweise auch einer gewissen „Verarbeitung“ bedarf, wenn man sich nämlich innerhalb vieler Jahre zu „seinem Stil“ hin entwickelt hat und dann eben feststellen muss, dass man da natürlich nicht die erste oder einzige ist, die zum Beispiel ihre „Überschrift“ unter ihre Gedichte setzt – und selbst mit dieser Reflexion werde ich nicht die einzige sein! Es ist für einen selber in seiner naiven Seifenblase quasi auch erst mal ein Wake Up Call, dass man die Welt halt nicht neu erfunden hat – obwohl es sich für einen selber zu dem Zeitpunkt wie ein persönlicher Durchbruch angefühlt hat, Dinge „anders und auf seine Art“ zu machen, weil die Entwicklung einen auf natürliche Weise dahin gebracht hat. In der Hinsicht bewundere ich die Maler und Dichter der alten Zeit, die kein Internet hatten und denen bei der Arbeit nicht auf die Weise dazwischengefunkt wurde. In dem Punkt ist es schon manchmal schwierig, wenn andere plötzlich deinen Stil beurteilen und vergleiche zu anderen Künstlern ziehen, die bekannt sind – und dass ohne deine Geschichte, deinen Hintergrund und deine Entwicklung zu kennen.


Welche Themen behandelst du in deiner Poesie?

Wie ich schon angerissen hatte, liegt mir das am Herzen, was mich berührt. Themen, zu denen ich einen emotionalen Bezug habe und zu denen immer wieder meine Gedanken wandern: Liebe, Verlust, Schmerz, Heilung, Feminismus, Migration, Revolution – ganz konkret gesagt. Die Liebe ist natürlich ein grundlegendes Thema, von dem sich so gut wie alles andere ableitet. Selbstentwicklung, die für mich als Frau unbedingt Feminismus, Empowerment, aber auch weiteres Persönliches, wie Selbstliebe, Verlust, Schmerz und Heilung usw., mit einschließt. Durch meinen kulturellen Hintergrund ist Migration auch zentraler Gegenstand meiner Poesie: Allein was meine Eltern und Großeltern erlebt haben, prägt mich bis heute – auch die eigene Wahrnehmung hinsichtlich anderer. Entwicklungen innerhalb der Flüchtlingssituation oder der reißerische Umgang des Westens mit „dem Terror“, der ja ausschließlich von Muslimen, die ja alle Islamisten sind, ausgeht – das sind Dinge, die mich menschlich tief treffen und die sich dann in Poesie verwandeln. Mit Revolution meine ich, neben persönlicher Revolution, politische Themen, ohne dabei wirklich „politisch“ sein zu müssen – es geht mir generell um Frieden, Gerechtigkeit, Fairness, Güte – unseren Nächsten als auch unserem Planeten gegenüber. Weltschmerz zu empfinden, ist dafür die Voraussetzung – wenn nicht sogar generell für einen Dichter und seine Kunst. 

Was ist besonders an der Großstadtpoesie?

Die Großstadtpoesie ist für mich ein sehr besonderes Projekt, da es zwei für mich sehr essentielle Dinge kombiniert: Poesie und das Leben in der Großstadt. Natürlich bin ich – als Poetin ohnehin – im Herzen auch Eremit und extrem Naturverbunden, aber wir sind nun auch mal versmogte Großstadtkids. Das was mir so wichtig ist, dass die Großstadtpoesie aber genau diese Reflexionen nicht ausschließt, sondern teils auch sehr kritisch ist und Themen wie unseren Umgang mit der Natur, unseren Nächsten, diese hässliche Hektik und Schnelllebigkeit und so weiter miteinschließt – so wie auch die schönen Seiten von Nachbarschaftlichkeit, das Erleben der Jahreszeiten und die vielen auch kleinen Feinheiten. Und ich finde es so großartig und absolut innovativ, dass ein Stadtmagazin wie WE ARE CITY dafür so empfänglich ist und viel mehr noch, dem es selber am Herzen liegt, die Stadt noch viel genauer von innen heraus zu beleuchten – und den Lesern damit komplett neue Inhalte und Impulse bietet.

 

Schreibst du auch andere Sachen?

Beruflich bin ich Texterin in der Werbebranche, das bedeutet, auch da tobe ich mich sprachlich kreativ aus. Ich schreibe auch Essays und "längere Gedichte", die dann sehr rhythmisch sind und sich auch stärker reimen, wie man in der hippen Szene sagt: Poetry-Slams. Ironisch bin ich übrigens überhaupt nicht unterwegs.

 

Was ist das Ziel, dass du mit deiner Poesie verfolgst?

In erster Linie bin ich extrem happy und auch stolz, dass ich den Schritt gegangen bin, meine Sachen zu veröffentlichen und auf so spannenden Plattformen wie WE ARE CITY oder meinem Instaprofil zu zeigen. Davon hatte ich immer geträumt, mich aber nie getraut. Der Anspruch, mit der Kunstform der Poesie wohlmöglich Menschen zu erreichen und zu berühren, die ähnlich empfinden und die etwas aus dem Erschaffenen für sich mitnehmen, der war halt immer da und wurde dann so groß, dass eine Entscheidung gefällt werden musste – und es sind weitere Projekte in Planung! Meine Poesie hat sozusagen lange um ihrer selbst Willen existiert, was auch immer erster Anspruch sein soll, nur erreiche ich jetzt auch Gleichgesinnte und allein das Feedback zeigt mir, es ist zu tausend Prozent richtig.

Eure Antigoni

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