Ein Spaziergang durch den Eigelstein

Der veedel-Guide: Eigelstein

Kuratiert von unserer Autorin: Laura Kölker & Analoge Fotos von Laura Kölker

Am Ebertplatz, eine etwas triste und betonlastige Bühne zwischen Agnesviertel und Eigelstein sowie beliebter Drogenumschlagplatz, überschlagen sich in letzter Zeit die Ereignisse. Der Mord an einem 22-jährigen hat die Stadt dazu veranlasst, nach jahrelanger Ignoranz nun endlich zu handeln. Das Ergebnis: die Passage der unteren Ebertplatz-Ebene soll zugemauert werden, den ansässigen Galerien wurde gekündigt. Eine etwas unbeholfene, ungestüme Maßnahme, auf die die ansässigen Künstler mit Protest und Aktionismus reagieren. Denn sie sind die Einzigen, die zur Aufwertung des Platzes bislang etwas beigetragen haben und die Ebertplatzpassage zu einem stadtweit bekannten Standort für Kunst und Off-Kultur gemacht haben.
Hooligans randalieren vor den Galerien, die Medien verbreiten den Begriff der No-Go-Area, doch die Künstler halten Stand, bestehen auf Gespräche mit der Stadt, organisieren künstlerische Gegenwehr-Aktionen und erfahren große Unterstützung von Anwohnern und anderen Mitgliedern der Szene.

Abseits von Drogenmilieu, Kriminalität und fragwürdigen politischen Entscheidungen befindet sich, an den Ebertplatz anschließend, das Kölner Eigelsteinviertel. Ein Quartier, in dem ich mich zuhause fühle und in dem trotz dieser aktuell brisanten Situation alles wie immer zu sein scheint. Das ist vielleicht auch gut so und veranlasst mich daher dazu, dieses besondere Viertel heute für euch zu portraitieren.

Der Eigelstein – ein kleines, sehr zentrales und doch oft unbeachtetes Viertel im Herzen von Köln, welches sich von der Rückseite des Hauptbahnhofs in Richtung Norden bis zum Hansaring erstreckt. Wo genau die Grenzen des Eigelsteinviertels liegen, das weiß keiner so genau und das ist eigentlich auch egal. Denn am Eigelstein zu leben, das ist ein Gefühl.

Für einige offenbart sich dieses Gefühl im kölschen Charakter und der Gemütlichkeit, die einem begegnet, wenn man durch die imposante Torburg den Eigelstein betritt. Hier trifft man sich zum Kaffee und Schwätzchen bei Merzenich oder gönnt sich schon das erste, leckere Kölsch beim Kölsche Boor, einem der ältesten Brauhäuser Kölns. Adrett gekleidete ältere Damen führen ihre Hündchen spazieren, treffen Bekannte, verweilen am Straßenrand, um dann weiterzuziehen für die alltäglichen Erledigungen. Von großstädtischem Trubel und szenigen Läden keine Spur. Dafür alteingesessener Einzelhandel. Ein Besuch beim Schuster, Buchladen, Metzger, Fischhaus oder Schreibwarenladen hält für einen kurzen Moment die Zeit an und lässt verstehen, warum man sich hier wohl fühlt.

Ebertplatz

Auch die Rotlichtvergangenheit ist ein Aspekt, der das Bahnhofsvorviertel bis heute prägt. In den 60er und 70er Jahren zählte der Eigelstein zu den meist besuchten Vierteln für die käufliche Liebe und war aufgrund der Zuhälterei, des Ganoventums, illegalen Glücksspiels und einer generell hohen Kriminalitätsrate als das Chicago am Rhein bekannt. Obwohl die ehemalige Bordellstraße Im Stavenhof nicht mehr als solche besucht wird, begegnet das wache Auge auch heutzutage noch wartenden Prostituierten und Stundenhotels. Der ein oder andere Kiosk wird des Drogenhandels sowie die gähnend leeren Brautmodengeschäfte der Geldwäsche bezichtigt.

Auf der anderen Seite ist das Viertel stark durch den Gründergeist der in den Nachkriegsjahren zugezogenen türkischen „Gastarbeiter“ geprägt. Bei einem Spaziergang durch die Weidengasse – neben dem Eigelstein die frequentierteste Straße des Viertels und gerne auch „Klein-Istanbul“ genannt – lässt sich die Vielfalt der hier gelebten Traditionen an jeder Ecke riechen, hören und beobachten. Grillrestaurants reihen sich an türkische Bäckereien, Metzger, Supermärkte, Brautmodengeschäfte, Juweliere, Handyläden, Shishabars und Männercafés. Protzige Autos schieben sich durch die Gasse, Lebensmittel werden verladen, man klärt die noch offenen Geschäfte von gestern. Beachtet man jedoch die Toleranz und Vertrautheit, mit der sich alle Anwohner hier begegnen, wird eines schnell klar: ob kölsch oder türkisch, gemütlich oder trubelig – gerade die Mischung verschiedenster Traditionen und Geschichten auf kleinem Raum macht das Viertel zu dem, was es ist.

Laut Definition der Polizei gehört der Eigelstein zu den dreizehn gefährlichen Orten Kölns und gilt dennoch als Beispiel für ein gelungenes Miteinander verschiedenster Kulturen. Zum Mittagessen wählt man hier zwischen Spießbratenbrötchen von De Fressbud am Eigelstein 78 oder Adanateller von Doy Doy Palast in der Weidengasse 71, zwischen Kölsch und Çay. Der urkölsche und ursprüngliche Charakter des Viertels wird durchbrochen von fernöstlichem Kitsch und Glamour. Das Leben findet auf der Straße statt. Multikulti und Toleranz, ob als Klischee oder Realität empfunden, wird hier großgeschrieben. Und das spürt man, wenn man durch die Straßen geht. Es herrscht ein raues, ungeschöntes, aber auch ehrliches, für Köln typisch herzliches und familiäres Klima. Hier leben Familien, Senioren, Studenten sowie Türken und Deutsche Tür an Tür. Ihre Identitäten verschmelzen mit der Geschichte dieses Ortes und ergeben einen facettenreichen, urbanen und authentischen Charakter, der dieses Viertel einzigartig macht.

Karadag Supermarkt

Weidengasse 2-4, 50668 Köln

Eduard Balke - Haushaltsgeräte Reparatur

Weidengasse 81, 50668 Köln

Eigelsteiner Waschsalon

Eigelstein 99, 50668 Köln

Eure Laura und Athenea

Weitere Empfehlungen unserer Leser:

ZITAT Clothing

Thürmchenswall 4, 50668 Köln


Hinterlasst gerne eure Lieblingsorte im Eigelstein als Kommentar und wir fügen diese mit in unsere Liste ein. Wir freuen uns darauf!


Gastautorin Laura Kölker stellt sich vor:

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Laura Kölker
Medien- und Kulturwissenschaftlerin

Seit 9 Jahren lebe ich in Köln, entdecke das Kunst- und Kulturgeschehen der Stadt und
setze mich in den letzten Jahren zunehmend mit stadtkulturellen Thematiken auseinander. Hierbei
richte ich den Blick auf das Alltägliche und Nebensächliche unseres Stadtlebens, um so gewohnte
Strukturen in neuem Licht erscheinen zu lassen und andersartige Wege der Wahrnehmung zu
eröffnen. Im Rahmen meiner Masterthesis beschäftigte ich mich daher mit der Dokumentation von Atmosphären urbaner Quartiere und gestaltete ein Fotobuch über das Kölner Eigelsteinviertel.