Ein Spaziergang durch Nippes

Der veedel-Guide: Nippes

Kuratiert und geschrieben von den Autorinnen: Vanessa Schaefer & Laura Kölker
Fotografiert von:
Luisa Zentner & analog fotografiert von: Laura Kölker

Es gibt Viertel in Köln, deren Namen bereits sympathisch, wenn nicht sogar heimatlich klingen. Dazu gehört zweifelsohne Nippes. Nördlich der Innenstadt, östlich von Ehrenfeld gelegen – ein Kölner Stadtteil, der im Gegensatz zu seinem Namensvetter vor fröhlichem Lebensgefühl und Authentizität nur so sprudelt. Glücklich können sich die schätzen, die hier tagein tagaus ihren Alltag genießen. Doch auch ein kurzer Ausflug zum Schlendern, Käffchen trinken oder Essen lohnt sich – kölsches Ehrenwort!

 

Unser Walk startet an einem für Nippes typischen – doch gleichzeitig sehr ungewöhnlichen – Gebäude. Mitten auf der Neusser Straße, der zentralen und herrlich bunten Einkaufsstraße des Viertels, steht der Nippes Tower. Hoch, beige, urban – so ziemlich das Gegenteil eines stattlichen Herrenhauses. Doch wer zweimal hinschaut, der erkennt, dass sich hier ein wenig Berliner Flair à la Kotti erspüren lässt: Auf den Punkt gebrachte Balkon-Verzierungen sowie das gleich dahinter gelegene "Café Klein Berlin”, dessen Charme und Gemütlichkeit einen auf Anhieb umgarnen.

Konträr zum Nippeser Kotti punkten die angrenzenden Straßen mit der typischen Schönheit prächtiger Altbauten. Es ist vor allem der Leipziger Platz, der von zahlreichen Gebäuden aus der Gründerzeit umringt ist. Zugleich ist er einer dieser Orte, der in ein etwas klischeehaftes Bild von Nippes passt: Der Leipziger Platz ist ein Spielplatz für all die kleinen Frederiks und Mias, die in ihren süßen, individuellen Outfits aus dem nächstgelegenen Vintage-Kinderladen “Annika & Tommy” im Sand buddeln, während sich die Väter oder wahlweise Mütter in der gemütlichen Eckkneipe “Basil’s” über gesunde Ernährung und die Balance zwischen Alltag, Arbeit und Zeit für sich unterhalten.

Aber mal ehrlich und ganz ohne Sarkasmus: Ob Vintage-Laden oder unbezahlbare Altbauwohnung, die Gegend zwischen Neusser und Niehler Straße ist einfach wahnsinnig schön und beschaulich. Das wissen und sehen auch die lebenshungrigen Mittzwanziger, die es hierhin zieht. Denn zwischen Kinderwagen, gesprächiger Omi und joggenden Pärchen finden sich auch jene junge Leute, die auf dem Schillplatz im schönen "Morio” oder auf den weitläufigen Wiesen des idyllischen Nippeser Tälchen über ihre Zukunftsideen und die großen Lebensfragen philosophieren.

Dieses ruhige, beschauliche und friedliche Lebensgefühl begegnet einem nicht nur in den schönen Altbau-geprägten Gegenden östlich der Neusser Straße, sondern in fast allen Nippeser Wohnvierteln, die von dieser Axe abzweigen. Somit führt uns unser Spaziergang weiter über den abends ziemlich leergefegten Wilhelmplatz hinein ins Sechzigviertel, ein unauffälliges, an den Lohsepark angrenzendes Wohngebiet mit vereinzelten, alteingesessenen Ladengeschäften, Galerien sowie ein paar Cafés und Restaurants. Den Namen verdankt dieses Viertel übrigens der Tatsache, dass hier die Rheinische Eisenbahngesellschaft im Jahr 1862 zur Errichtung ihres Eisenbahn-Ausbesserungswerks (EAW) 60 Morgen Land kaufte und die angrenzende Werksarbeitersiedlung somit den Namen Sechzigviertel erhielt. Auch heute lassen sich in der gleichnamigen Sechzigstraße noch ehemalige, vom EAW erbaute Werksmeisterhäuser finden, die dem Viertel einen sehr eigenen, nostalgisch anmutenden Charme verleihen. Die vielen leerstehenden Ladenlokale, über deren Fensterfronten in altmodischer Schrift noch Obst und GemüseDruckerei oder Stehcafé zu lesen ist, lassen auf ein einst sehr lebendiges und eigenständiges Viertel schließen.

Diesen Eindruck bestätigt mir auch Josef Immendorf, Inhaber einer mittlerweile geschlossenen Metzgerei auf der Sechzigstraße. Er erzählt mir von lebendigen Zeiten im Viertel und der Fülle von Einzelhandel hier auf dieser Straße. Für die Anwohner des Viertels war sie Haupteinkaufsstraße und wichtiger sozialer Treffpunkt – nicht zuletzt auch, da die Straßenführung eine andere war und viele Pendler auf ihrem Nachhauseweg noch kurz für einen Einkauf oder ein Bierchen anhielten. Mit dem Bau eines verkehrsberuhigten Einbahnstraßensystems und der zunehmenden Konkurrenz der Neusser Straße als mittlerweile wichtigste Einkaufsstraße von Nippes, änderte sich die Lage jedoch fortwährend. Mehr und mehr Ladenlokale mussten aufgrund der geringen Kaufkraft und schlechter Umsatzzahlen schließen. So auch der Delikatessenladen und die Metzgerei von Herrn Immendorf.

Obwohl dieses Viertel somit an traurig-grauen Tagen fast etwas verlassen wirkt, verirrt sich des Öfteren auch manch Nicht-Nippeser in diese Gegend – z. B. um eines der großartigen Konzerte in der “Kulturkirche” zu besuchen oder in der 1953 gegründeten Eisdiele "Eis Engeln” eines der besten Eis Kölns zu schlemmen. Wie an vielen anderen Orten im Viertel scheint auch hier die Zeit stehen geblieben zu sein: die alte Holzvertäfelung, das Mobiliar (der gute, runde Marmortisch fehlt natürlich nicht!) sowie das Design des “Eis Engeln”-Schriftzugs oder der Preistafel lassen einen Traditionsbetrieb erkennen, der auf Qualität statt Quantität setzt und seine Kunden mit beschaulichen 14 Eissorten aus dem klassischen Sortiment beglückt. Doch genau das schätzen die Nippeser und reihen sich an warmen, sonnigen Tagen gerne in die 20 Meter-lange Schlange unter der gelb-grün-gestreiften Markise ein. 

Die zuvor genannte Tradition, Bodenständigkeit, wenig Schnick-Schnack und eine gewisse Unaufgeregtheit – all das sind Begriffe, die ich mit dem Nippeser Lebensgefühl verbinde. Ein Viertel, das Geborgenheit ausstrahlt, in dem man sich zu Hause fühlt, zur Ruhe kommen kann und seinen Alltag verbringt. Ein Viertel, um das urbane Trends, szenige Cafés und Boutiquen sowie ein ausgelassenes Nachtleben größtenteils einen Bogen machen. Ohne erkennbaren Grund und das ist auch irgendwie gut so. 

Wer jedoch ab 7 Uhr morgens oder gerne auch mal später den Nippeser Wochenmarkt auf dem Wilhelmplatz betritt, der weiß, dass es mit der Ruhe und Beschaulichkeit auch schnell vorbei sein kann. Hier schallt einem in solcher Vehemenz und Beharrlichkeit das „Ein Kilo, ein Euro“ entgegen, dass man am Ende gar nicht anders kann, als sich die Taschen mit allerlei Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch, Blumen und anderen Schnäppchen vollzupacken. Das weiß auch Josef Immendorf, der seine Metzgerwaren mittlerweile nur noch auf dem Markt verkauft. Das würde sich wenigstens lohnen, denn der Wochenmarkt hat Tradition, ist gut besucht und außerdem der einzige Wochenmarkt, der jeden Tag außer sonntags geöffnet hat. Wer sich hier nicht gleich ins Getümmel begeben oder dem Kaufrausch erliegen möchte, kann sich einfach auf den Steinstufen des Taj Mahals – so nennen die Nippeser wohlwollend die etwas sinnlose Konstruktion von Kölscher Schönheit mitten auf dem Platz – niederlassen, das Geschehen in bester Lage beobachten und mit leckerem Kaffee und Marktstulle in den Tag starten.

Das weiß auch Ilka Buchloh, eine der beiden Betreiberinnen des charmanten "Kaffeekiosks” im Taj Mahal. Die beiden haben sich diesen Platz für ihr Büdchen nicht ohne Grund ausgesucht und schätzen die authentische, trubelige Atmosphäre dieses Ortes sowie das tolerante Beisammensein verschiedenster Menschen. 

Wenn ich rückblickend an die vier Jahre denke, die ich im schönen Nippes gewohnt habe, fällt mir vor allem diese eine Frage ein, die ich von Freunden und Bekannten öfters gehört habe: „Ach Nippes, das ist aber schon eher außerhalb Kölns oder?“ Dann habe ich gelacht, mich mal wieder über den engen Radius vieler Kölner – auf deren geografisches Gefühl bezogen – gewundert und geantwortet: „Ne, eigentlich nicht.“ Denn in vier Bahnstationen oder zehn Fahrradminuten befindet man sich bereits am Friesenplatz und somit mitten im Zentrum von Köln. 

Doch während dieser vier Jahre ist mir auch aufgefallen, dass diese Frage vielleicht gar nicht so unbegründet ist. Denn in Nippes fühlt es sich tatsächlich oft so an, als würde man außerhalb von Köln in einem idyllischen Vorort wohnen, weit weg von großstädtischer Hektik und in einer Ruhe, in der man morgens die einzelnen Singvögel voneinander unterscheiden lernen könnte.

Café Eichhörnchen
Baudriplatz 2

Basils
Bülowstraße 21

Morio
Schillstraße 12

Eis Engeln
Cranachstraße 22

Café Klein Berlin
Florastraße 7

Em Goldene Kappes
Neusser Str. 295

Noch weitere Orte in Nippes, die erwähnenswert sind:

De Flo
Franz-Clouth-Str. 5. 

Gaziantep Altintepsi
Auguststraße 35

Willie Tanner
Wilhelmstraße 61

Emmaus – das Lädchen
Baudriplatz 16

Café Kommödchen
Merheimer Straße 53

Simitzade
Neusser Str. 279

Adolph’s Bäckerei
Sechzigstr. 21

Sapori D’Italia
Neusser Str. 323

Clubheim Olympia
Lämmerstr. 11

Kuen
Kuenstr. 9

Heimathirsch
Mauenheimer Str. 4

bewegend anders
Eichstr. 38

Planetarium
Blücherstr. 15

Tischlein Deck Dich
Mauenheimer Str. 11

Antiquariat Langguth & Restaurierung Paulussen
Auguststr. 46



Orte in Nippes, die im Beitrag erwähnt werden:

Annika & Tommy
Florastraße 39

Kulturkirche
Siebachstraße 85

Kaffeekiosk
Wilhelmplatz 1a in Tribüne auf Platz

Eure Vanessa, Laura & Luisa

Hinterlasst gerne eure Lieblingsorte in Nippes als Kommentar und wir fügen diese mit in unsere Liste ein. Wir freuen uns darauf!