Ein Spaziergang durch Mülheim

Der Veedel-Guide: Mühlheim

Kuratiert und geschrieben von Gast-Autorin: Laura Thomsen & fotografiert von Gast-Autorin Julia Breuer

Mülheim hat mich auf eine gute Art und Weise gleich am Anfang verschluckt. Hat mich skeptisch beäugt, mich getestet und im selben Atemzug willkommen geheißen.

Zu weit raus, zu unsicher, zu schäl sick, zu wenig Bioläden und Kneipen. I get it. Die Argumente gegen Mülheim sind zahlreich, das Argument „aber die Mieten sind hier günstiger“ zieht nicht gerade emotional und faktisch sowieso bald auch nicht mehr. Warum ich trotzdem hergezogen bin und mich in den Stadtteil verliebt habe? Hier kommt mein Plädoyer für Mülheim.

Von meinem Balkon aus blicke ich aus dem vierten Stock auf die Frankfurter Straße hinab. Sie ist einer der hässlichsten Orte in Mülheim, sehr laut und viel befahren. Ich liebe sie. Wenn ich im Sommer den ganzen Tag auf dem Balkon verbringe, morgens mit Kaffee und abends mit Efes, brauche ich zur Unterhaltung keinen Fernseher. Lamborghinis und andere Protzautos fahren hier manchmal auf und ab, an den Shisha Bars besonders langsam vorbei. Manchmal gibt es auch Stress, dann bin ich nicht die einzige, die ihren Hals hinausstreckt, um zu schauen, was da los ist. Um mich herum ploppen dann viele Köpfe aus den Fenstern, die von den unteren Stockwerken bringen sich sogar manchmal ins Gespräch ein. Und abends, wenn es dämmert, dann schau ich nach oben in die Pappeln, die hier überall wachsen. Da treffen sich nämlich jeden Tag zur blauen Stunde riesige Schwärme von Krähen. In den Baumkronen und auf den Dächern scheinen sie alle gleichzeitig auf etwas zu warten. Und wie auf Kommando beginnen sie dann umherzufliegen, scheinbar im Chaos, bevor sie sich alle gleichzeitig wieder auf den Dächern niederlassen. Das ist fantastisch zu beobachten.

Vom Mülheimer Bahnhof Richtung Rhein führt die Frankfurter zum Wiener Platz. Übrigens an einem Bioladen und einem Reformhaus vorbei! Okay, ja. Der Wiener Platz stinkt schon ordentlich. Aber: Drei Mal die Woche gibt es hier schön zuverlässig einen sehr guten Wochenmarkt, mit den freundlichsten Marktschreiern Kölns.

Hinter dem Wiener Platz beginnt der schöne Teil von Mülheim. Kleine Straßen, mehr Ruhe und Altbauwohnungen, das Jakubowski und das Vreiheit sind die wohl einzigen hübschen Cafés in Mülheim und ein kleines Stück weiter liegt das Limes, eine Punkrockkneipe, wie es sie nur noch selten gibt, mit ausgewählter Musik und einer Theke, an der man sich gut ein Paar Kölsch reinstellen kann.

Ein Grund, warum ich hergezogen bin, ist die Nähe zum Rhein. Hier in Mülheim gibt es fantastische Joggingstrecken mit tollen Ausblicken, einen kleinen alten Hafen und eine Halbinsel auf dem Rhein mit Sandstrand. Über die Mülheimer Brücke Richtung Niehl gelangt man aber in kurzer Zeit mit dem Fahrrad zum schönsten Strand Kölns, der nicht so bekannt wie Rodenkirchen und außerdem naturbelassener ist. Dort sitze ich im Sommer gerne mit einem Buch und schaue mir den Sonnenuntergang an.

Der hippste Teil von Mülheim, und wohl auch der bekannteste, ist die Keupstraße und das angrenzende Schanzenviertel. Die Keupstraße ist für Liebhaber der türkischen Küche ein Muss, denn hier reiht sich ein türkischer Bäcker an den nächsten; türkische Restaurants und Feinkostläden finden sich hier zu Hauf. Für mich als Vegetarierin ist außer Linsensuppe allerdings nicht viel drin, der vegane Cigköfte hat mich bisher nicht überzeugt. Die Atmosphäre in dieser besonderen Straße liebe ich dennoch.

Das Carlswerk in der Schanzenstraße beherbergt neben einer Filmhochschule, dem vor kurzem eröffneten Club Volta, dem Bastei Lübbe Verlag und meinem Zahnarzt noch das Schauspielhaus, dessen Hauptspielstätte am Offenbachplatz sich seit Jahren im Bau befindet und in Mülheim einen angemessenen Ersatz gefunden hat. Viele können die Eröffnung des sanierten Standorts der Bühnen Köln nicht erwarten, für mich kann sich das gerne noch hinauszögern.

Natürlich gibt es im Industriegebiet der Schanzenstraße noch das E-Werk und Palladium, wo nicht nur die Stunksitzung jedes Jahr Session feiert, sondern auch die ganz großen Rock- und Pop-Konzerte veranstaltet werden.

Ganz besonders lege ich euch außerdem das Valhalla ans Herz, das nicht gerade idyllisch am Clevischen Ring gelegen einen sehr unspektakulären Eingang vorweist, hinter dem sich der älteste und kultigste Metalclub Kölns versteckt. Das große Kölsch gibt es hier freitags und samstags in Pilsener Urquell-Humpen und es treten internationale Bands auf, für die Metaller aus dem ganzen Rheinland extra angetrampt kommen.

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Seit ich in Mülheim wohne, brauche ich eine halbe Stunde zur Arbeit. Nachts muss ich oft ein Taxi nehmen, weil das nun Mal sicherer ist. Aber ich habe hier meinen Rückzugsort gefunden, meinen 24-Stunden-Kiosk, meine Laufstrecke. Und ich bin schneller in der Natur, die nicht wie der Grüngürtel oder der Volksgarten aus künstlich angelegten Parks besteht. Ich gehe locker mit Jogginghose und ollem Schlabberpulli einkaufen, weil das hier einfach wirklich niemanden interessiert.

Am 11.11. war die Frankfurter Straße, wie jeden anderen Sonntag auch, ruhig und ziemlich leer. Von Karneval habe ich hier nichts mitbekommen. In der Vorweihnachtszeit wurde die Winterbeleuchtung an den Laternen angeknipst, die im Sommer nicht abmontiert, sondern einfach nur ausgeschaltet wird. Und außer einem traurigen Glühweinstand am Wiener Platz gab es hier keine Adventsstimmung. Es ist eben alles ein bisschen anders hier, dafür ziemlich korrekt, im Sinne von aufrichtig. Mülheim ist gut so, wie es ist. Trotzdem kann es noch einige Updates gebrauchen. Also: Kommt nach Mülheim und eröffnet die Bars, die euch hier fehlen, macht ein veganes Restaurant auf und verbreitet die Kunde: Mülheim, bestes Veedel.

Eure Laura & Julia

Jakubowski
Vreiheit
Limes
Carlswerk
Club Volta
Bastei Lübbe Verlag
Schauspielhaus
E-Werk
Palladium
Valhalla


GASTFOTOGRAFIN JULIA BREUER STELLT SICH VOR:

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Julias Breuer
Freiberufliche Fotografin, Content Creator & Eventmanagerin

Ich bin ein echtes Dorfkind, aufgewachsen im Bergischen Land zwischen Bauernhöfen und Wäldern. Köln hat für mich die perfekte Größe - es gibt wahnsinnig vielfältige, kulturelle Angebote und doch fühlt sich das Zusammenleben hier nicht nach Großstadt, sondern eher dörflich an: man kennt und unterstützt sich. Das liebe ich. Trotz riesiger Kölnliebe plagt mich das chronische Fernweh und so oft ich kann gehe ich diesem Entdeckerdrang nach (außer an Karneval!!!). Unterwegs immer mit dabei ist meine Kamera. Für die schönsten Momente und Schnappschüsse stehe ich auch mal vorm Sonnenaufgang auf und wandere auf Berggipfel oder springe in eiskalte Flüsse und Ozeane. Zu einem Kölsch sage ich nein und mein Allheilmittel gegen schlechte Laune ist tanzen.

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